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CSU-Chef Markus Söder geht aufs Ganze – eine Analyse

Auf der hellen Seite der Macht?

Berlin (WB)

Über Markus Söder wird dieser Tage gern gesagt, der CSU-Chef habe nichts zu verlieren. Wenn er nun also, sozusagen im allerletzten Moment, doch noch zurückstecken und zugunsten des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet auf die Kanzlerkandidatur verzichten würde, ginge er immer noch gestärkt nach Bayern zurück.

Ulrich Windolph

Markus Söder, CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident, vor Beginn einer virtuellen Sitzung seines Kabinetts im Videoraum in der Staatskanzlei. Foto: Sven Hoppe/dpa

Das ist so richtig wie es falsch ist. Denn Söder hat den Machtkampf in der Union nicht so weit getrieben, um aufzugeben. Er sieht das so: Ein Söder verliert, wenn er nicht gewinnt.. Sein Vorgehen ist kühl kalkuliert – auch weil er weiß, dass sich eine Chance wie diese in vier Jahren nicht zwangsläufig wieder ergeben wird. Politik verläuft nicht linear. So geht der oft zu hörende Hinweis, Söder sei ja noch jung und könne warten, komplett ins Leere. Wenn er den Sprung wagen will, muss er es jetzt tun.

Und da sind im Selbstverständnis des 54-jährigen Franken Skrupel im Umgang „mit dem lieben Armin“ – eine dieser unzähligen, oft in ein vermeintliches Lob verpackten Herablassungen – ebenso fehl am Platze wie die Rücksichtnahme gegenüber der strukturell wie programmatisch arg wundgescheuerten CDU. Im Gegenteil: Die Schwächen der großen Schwesterpartei und auch die des Rivalen persönlich haben Söder ja erst ermuntert, anzugreifen. Das Mantra „Mein Platz ist in Bayern“ ist Geschichte. Nun ruft Berlin!

Der Machtmensch Markus Söder will Kanzler werden. Mit aller Macht. Schon der Zeitpunkt seines Statements „Ich stehe bereit“ hat das Lager Laschet aus den Latschen gehauen. Warum sagt er das denn erst jetzt, warum hat er mit seinem Plan so lange hinterm Berg gehalten, wird sich da so mancher empört gefragt haben. Für Söder hingegen war es der perfekte Moment, ernst zu machen. Dass sein Nachsatz „wenn mich die CDU auf breiter Basis unterstützt“ den Keil in die CDU treiben musste, nimmt er nicht nur in Kauf, sondern er setzt geradezu darauf.

Markus Söder

Söder spielt mit vollem Einsatz – zu seinen Gunsten und, wenn‘s sein muss, auch zu Lasten der Union. Seine Falle schnappte gnadenlos zu. Beinahe naiv verließen sich Laschet und die CDU-Granden auf Söders vermeintliche Bereitschaft zum Verzicht. „Wenn‘s die große Schwester anders will – auch okay, dann akzeptieren wir das ohne Groll“, sagte er am Sonntag, um nur einen Tag später seine Zusage zu brechen und in einer Pressekonferenz das nach dem Parteitag höchste CDU-Gremium „als kleines Präsidium“ lächerlich zu machen.

Stillos, aber wirkungsvoll: Wieder einen Tag später in der Sitzung der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kommt der Bayer groß raus. Das nennt man einen Coup – auch wenn das gewiss keine moralische Kategorie ist.

So ein Verhalten muss man sich erst mal leisten können. Söder kann es offenkundig. Mehr noch: Seit Wochen stilisiert sich der CSU-Chef als „geborener Nachfolger“ der Kanzlerin, mit der er sich im Kampf gegen die Corona-Pandemie im „Team Vorsicht“ sieht. Es ist der selbe Söder, der einst im Streit um Angela Merkels Flüchtlingspolitik das Wort „Asyltourismus“ geprägt hatte. Der Söder, der die Konfrontation mit Merkel immer weiter vorangetrieben hatte, bis es fast zum Bruch zwischen CDU und CSU kam. Der Söder, der später im bayerischen Landtagswahlkampf mit Blick auf einen Besuch des Österreichers Sebastian Kurz tönte: „Zu mir kommt keine Bundeskanzlerin, zu mir kommt ein Bundeskanzler.“

Bis vor einiger Zeit der unbeliebteste der 16 Ministerpräsidenten

Es ist auch noch gar nicht lange her, dass Markus Söder der unbeliebteste der 16 Ministerpräsidenten war. Doch alles vergeben und vergessen. Auch die Politik ist ein schnelllebiges Geschäft geworden. Heute ist Söders Blatt gut, verdammt gut sogar. Und er selbst wirkt so stark wie wohl noch nie: Seine Rhetorik schon jetzt staatstragend, seine Botschaften klar. Und aus Bayern hört man: Söder führt von vorn – immer.

So kann man, erst recht in diesen pandemiegeplagten Zeiten, Volkes Stimme leicht erahnen: Ja, so einer wird es auch mit den Putins, Erdogans und Xi Jinpings dieser Welt aufnehmen. Wer redet da noch von mühsamen Nachtsitzungen in Brüssel, dem Kleinklein des Regierungsalltags, dem Zusammenhalten ei­ner Koalition mit selbstbewussten Partnern oder gar von Eigenschaften wie Team- und Integrationsfähigkeit?

Kein Wunder, dass die öffentliche Meinung entsprechend eindeutig ausfällt: Söder steht in allen Umfragen so viel besser da als Laschet, dass man sich – lässt man für einen Moment mal das Innenleben der CDU außen vor –, fragen muss, was es für die Union überhaupt zu überlegen gibt. Stand heute ist Söder zweifellos der erfolgversprechendere Kandidat, auch wenn das nicht heißt, dass er auch der bessere Kanzler wäre. Diese Frage aber stellt im Moment kaum jemand – dafür ist die Angst vor dem Machtverlust in der CDU viel zu groß. Und dafür sind die Schwächen von Armin Laschet gerade in diesem Jahr zu sichtbar gewesen.

Mantra „Mein Platz ist in Bayern“ ist für Söder Geschichte. Nun ruft ihn Berlin!

So ficht Söder kaum etwas an – weder, dass sein Corona-Management nicht besser ist als das in NRW, noch dass die von ihm in die Bundesregierung geschickten Minister Horst Seehofer, Dorothee Bär und allen voran Andreas Scheuer zu den absoluten Schwachpunkten im Kabinett gehören. Und erst recht nicht, dass man auch nicht so genau zu sagen wüsste, was Söder für die Zukunft inhaltlich Besseres zu bieten hat als Laschet. Söder setzt auf Söder – und ansonsten auf die Vorstellungskraft der Menschen. Oder sollte man sagen: auf die Neigung der Leute zum Selbstbetrug?

Söder würde selbst das nicht stören. Er ist jetzt ganz dicht dran am großen Ziel. Ihm reichen Sätze wie jener, der ebenfalls aus der Fraktionssitzung überliefert ist: „Wir müssen auf der hellen Seite der Macht stehen.“ Die helle Seite der Macht, das ist natürlich er – und so wird Markus Söder alles daran setzen, dass es um Armin Laschet demnächst ziemlich dunkel wird. Was dann folgt, wird bei Licht zu betrachten sein. Später einmal.

Merz stärkt Laschet den Rücken

Im Machtpoker um die Kanzlerkandidatur der Union soll noch diese Woche eine Entscheidung fallen. Vieles deutet auf Freitag hin, da das Wochenende aufgrund der Gedenkfeier für die Corona-Toten für machtpolitische Entscheidungen ausfällt. Am Montag wollen dann die Grünen ihre Kandidatenfrage klären. Dem will man unbedingt zuvorkommen.

CDU-Chef Armin Laschet erhielt am Mittwoch erneut Rückendeckung von seinem einstigen Konkurrenten um den Parteivorsitz, Ex-Unionsfraktionschef Friedrich Merz. „Ich habe im Januar Armin Laschet meine Unterstützung zugesagt. Und ich bin da vielleicht etwas altmodisch – aber wenn ich so etwas zusage, dann stehe ich dazu und ich stehe auch in kritischen Tagen dazu, wenn der Wind mal von vorne kommt“, sagte Merz im Deutschlandfunk. Ei­ne Mehrheit der Bundesbürger sieht die Bewerbung des CSU-Chefs Markus Söder positiv.

In ei­ner repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ nannten es 58 Prozent der Befragten richtig, dass Söder bereit sei, zu kandidieren. 30 Prozent gaben an, dass sie Söders Griff nach der Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl am 26. September für falsch halten. Zwölf Prozent zeigten sich unentschieden. Den Angaben zufolge ist die Rückendeckung für Söder im Unionslager mit 86 Prozent besonders groß.

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