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Kommentar zur WM in Katar

Deutsche Doppelmoral

Doha

Die Fußball-WM hat begonnen, doch die Diskussionen über die Vergabe an das Emirat Katar reißen nicht ab. Das hat viele Gründe.

Von Andreas Schnadwinkel

Die Fußball-WM findet in Katar statt. Foto: Tom Weller/dpa

Vor zwölf Jahren kam es zu der äußerst zweifelhaften Entscheidung, die Fußball-WM 2022 an Katar zu geben. Zwölf Jahre Zeit, die Vergabe nicht nur zu kritisieren, sondern die Veranstaltung zu verhindern – wie mit einer vereinten, ernstzunehmenden Boykottdrohung der großen Fußballnationen und Druck auf die Kontinentalverbände. Doch bis auf je eine Woche Empörung nach der Bekanntgabe und jetzt zum Turnierbeginn ist so gut wie gar nichts passiert.

Zahlreiche Gründe gegen die WM

Es gab und gibt zig Gründe gegen eine Weltmeisterschaft in diesem arabischen Zwergstaat, der auf einzelnen Feldern eine Weltmacht ist: schlechte Bewerbung, Korruptionsverdacht, klimatische Bedingungen, tote Bauarbeiter, Menschenrechtslage, fehlende Fußballtradition. Dagegen ist die Aufregung um das Bierverbot in den Stadien ein Witz.

In der arabischen Welt muss der Fußball nicht entwickelt werden. Und es ist durchaus an der Zeit, eine WM von einem arabischen Land austragen zu lassen. Marokko und Ägypten wären – abgesehen von islamistischer Terrorbedrohung – mehr oder weniger geeignete Kandidaten. Katar allerdings gewiss nicht. Das Emirat hat sich das globale Großevent gekauft, weil es das kann und weil der Westen – genau: dieser Westen mit diesen westlichen Werten – das zulässt. Mehr als Geld ist nicht nötig, um Ausrichter zu werden und sich für 180 Millionen Euro David Beckham als „Gesicht der Sportnation Katar“ zu leisten.

Al-Thani-Familie besitzt Gas-Milliarden

Katar hat riesige Gasvorkommen im Persischen Golf – und entsprechend hohe Einnahmen. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner (knapp drei Millionen, davon nur zehn Prozent Katarer) liegt bei rund 100.000 US-Dollar. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt dieser Wert etwas mehr als 50.000 US-Dollar. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahl und entsprechend niedriger staatlicher Finanzaufwendungen hat die Al-Thani-Familie viel Geld zur freien Verfügung. Mit den Gas-Milliarden kann man sich nicht nur die Fußball-WM kaufen.

Der Emir und seine Leute gelten als Terrorfinanzierer, weil sie die islamistische Hamas in Gaza und die Muslimbrüder in anderen Ländern unterstützen. Das macht Katar zu einer diplomatischen Größe im Nahen und Mittleren Osten. Wenn eine Waffenruhe zwischen Hamas und Israel ausgehandelt wird, dann sitzt Katar meistens mit am Tisch. Und zur Deutungshoheit in der arabischen Welt trägt der Nachrichtensender Al Jazeera bei, der sein Programm aus Katars Hauptstadt Doha ausstrahlt.

Katar hat große Sorgen

Dass Katar, auch durch die WM, weltweit wahrgenommen werden will, hat einen existenziellen Grund: Katar hat große Sorge, von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten angegriffen und einkassiert zu werden. Wie es der irakische Herrscher Saddam Hussein Anfang der 1990er Jahre mit Kuwait vorhatte. Internationale Öffentlichkeit soll als Form von Sicherheit dienen. Doch allein darauf verlassen sich die Scheichs nicht. Militärische Schutzmacht ist die Türkei, die auf einem Stützpunkt in Katar mehrere tausend Soldaten stationiert hat. Das lässt sich der türkische Präsident Erdogan gut bezahlen. Die türkischen Banken werden mit zig Milliarden US-Dollar aus Katar gestützt.

Daran erkennt man: Es ist wenig sinnvoll, unsere hypermoralischen Maßstäbe an jeden und alles außerhalb unserer gesetzlichen Reichweite anzulegen. Damit verkennen wir die Wirklichkeiten auf dieser Welt. Die WM findet in einem nicht-demokratischen, traditionell islamischen Land und in einem fremden Kulturkreis statt, in dem andere Regeln gelten. Diese Regeln und Gesetze sind natürlich zu kritisieren. Aber es zeugt von ausgeprägter Hybris, Menschen in anderen Ländern vorschreiben zu wollen, wie sie zu leben haben. Wir müssen die Unterschiede zwischen unserem Kulturkreis und dem arabischen Kulturkreis akzeptieren – wenn es das Leben in Katar betrifft.

Deutsche Doppelmoral

Und damit sind wir bei der deutschen Doppelmoral. Denn was an Katar in erster Linie kritisiert wird, nämlich dass Männer mehr gelten als Frauen und Homosexuelle um ihr Leben fürchten müssen, das passiert vereinzelt auch in unserem eigenen Land: in manchen muslimischen Familien begehen Brüder Ehrenmorde gegen Schwestern, wenn diese sich zu „westlich“ verhalten; es kommt zu tödlichen Attacken von radikalen Muslimen auf Homosexuelle (Dresden) und Transpersonen (Münster). Es gibt einige Muslime, die sich an Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Freizügigkeit stören. Und es gibt viele Muslime, die sich nicht daran stören.

Unsere WM-Debatte sagt mehr über Deutschland als über Katar. Eine ungute Rolle spielen dabei ARD und ZDF. 214 Millionen Euro aus Gebührengeldern haben die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten für die TV-Übertragungsrechte an den Weltfußballverband, die Fifa, gezahlt. Eine Rekordsumme. Und jetzt wird in vielen Sendungen der Versuch unternommen, sich moralisch reinzuwaschen. Nach der Devise: Wir übertragen das zwar, aber finden das alles ganz, ganz schlimm. Dagegen geht ZDF-Geschäftsführer Hans-Joachim Strauch von sehr hohen Einschaltquoten aus. Die WM in Katar ist in jeder Hinsicht falsch. Ein Fehler, mit dem Fußballfans nun bis zum 18. Dezember leben müssen.

Weitere Informationen zur Fußball-WM 2022 in Katar finden Sie auf unserer Sonderseite. Und unter folgendem Link kommen Sie zu attraktiven Digitalangeboten: www.westfalen-blatt.de/digital.

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