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Russische Invasion

Krieg in der Ukraine: Die aktuelle Lage

Kiew (dpa)

In Borodjanka werden hohe Opferzahlen befürchtet. Es verdichten sich Hinweise auf weitere russische Kriegsverbrechen. Die aktuellen Entwicklungen im Überblick.

Von dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj befürchtet hohe Opferzahlen in Borodjanka. Foto: -/Ukrinform/dpa

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sieht weitere Gräueltaten russischer Truppen in der Ukraine. In der Kleinstadt Borodjanka bei Kiew, wo Aufräumarbeiten liefen und Rettungskräfte Trümmer beseitigten, sei es «viel schrecklicher» als in Butscha, sagte Selenskyj in seiner Videobotschaft, die am Donnerstagabend auf Telegram veröffentlicht wurde. Dort seien «noch mehr Opfer» russischer Einheiten. Konkrete Details nannte er nicht.

Auch ukrainische Behördenvertreter befürchten hohe Opferzahlen in der Kleinstadt Borodjanka bei Kiew. Aus den Trümmern von zwei ausgebombten Wohnhäusern seien alleine 26 Leichen geborgen worden, schrieb die Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa am Donnerstagabend auf Facebook. Wie viele Opfer es insgesamt gegeben habe, sei derzeit schwer abzuschätzen.

Hinweise auf Kriegsverbrechen verdichten sich

Im Kiewer Vorort Butscha verdichten sich nach Angaben der örtlichen Behörden die Hinweise auf russische Kriegsverbrechen. Etwa 90 Prozent der getöteten Zivilisten wiesen Schusswunden auf, sagte Bürgermeister Anatolij Fedoruk am Donnerstag der Deutschen Welle. Mit Stand Mittwochabend seien in Butscha 320 Leichen gefunden worden. «Aber die Zahl der entdeckten Leichen steigt mit jedem Tag», sagte Fedoruk.

Dem Bundesnachrichtendienst (BND) liegen abgefangene Funksprüche russischer Militärs vor, die an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübte Gräueltaten unweit von Kiew belegen. Wie der «Spiegel» am Donnerstag zuerst berichtete, informierte der Auslandsgeheimdienst am Mittwoch Parlamentarier über den Inhalt der Funksprüche. Diese zeigen nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur, dass außerhalb von Kiew im März auch paramilitärische Einheiten im Auftrag der russischen Armee eingesetzt waren.

Amnesty berichtet von Hinweisen auf neue Kriegsverbrechen

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete am Donnerstag unter Verweis auf ukrainische Augenzeugen von neuen Hinweisen auf russische Kriegsverbrechen in der Ukraine. Russische Truppen hätten ihren Informationen zufolge wiederholt unbewaffnete Menschen in deren Häusern oder auf offener Straße erschossen, teilte die Organisation am Donnerstag mit. In einem Fall sei eine Frau mehrfach vergewaltigt worden, nachdem ihr Mann getötet worden sei. Ein Amnesty-Team sprach den Angaben zufolge in den vergangenen Wochen mit mehr als 20 Menschen aus Orten nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew, die russische Gewalttaten miterlebt oder unmittelbar Kenntnis von den Gewalttaten erhalten hätten.

Vorwurf der Kriegsverbrechen in Irpin

Nach dem russischen Abzug aus Irpin warf der Bürgermeister der ukrainischen Stadt Russland schwere Kriegsverbrechen vor.

In der Kiewer Vorstadt hätten russische Truppen die Männer von Frauen und Kindern getrennt, sagte Olexander Markuschyn der Zeitung «Ukrajinska Prawda» zufolge. «Diejenigen, die ihnen nicht gefielen - und das sind Fakten, es gibt Zeugen -, haben sie erschossen. Diejenigen, die nicht gehorchten, haben sie erschossen», sagte Markuschyn. Die Toten seien dann absichtlich von Panzern überrollt worden. «Wir haben die Leichen mit Schaufeln vom Asphalt gekratzt.»

Markuschyn sagte, außerdem hätten die russischen Soldaten Frauen vergewaltigt. «Die russischen Invasoren töteten und demütigten nicht nur Frauen, sondern raubten auch gnadenlos die Wohnungen der Irpiner aus», sagte Markuschyn. Gestohlen worden sei alles - von Waschmaschinen bis Unterwäsche.

Gouverneur: Alle Krankenhäuser im Gebiet Luhansk zerstört

Im umkämpften ostukrainischen Gebiet Luhansk gibt es nach Angaben von Gouverneur Serhij Hajdaj keine funktionierenden Krankenhäuser mehr. «Seit Beginn des Krieges zwischen Russland und der Ukraine wurde jede medizinische Einrichtung in unserer Region beschossen», schrieb Hajdaj am Donnerstag bei Facebook. Dazu veröffentlichte er zwei Bilder, die das zerstörte Krankenhaus der Stadt Rubischne zeigen sollen. «Neu. Modern. High-Tech-Ausrüstung. Das war einmal...», schrieb Hajdaj. Die russischen Truppen würden das Gebiet vorsätzlich aller Gesundheitseinrichtungen berauben, «damit die Verwundeten keine Chance haben zu überleben».

Nach Angaben aus Kiew liefern sich ukrainische Einheiten und russische Truppen derzeit im Gebiet Luhansk schwere Gefechte, auch um Rubischne. Die Russen hätten den Teil der Stadt besetzt, in dem sich die Klinik befinde, teilte Hajdaj weiter mit. Die russische Armeeführung hatte angekündigt, sich auf die Einnahme der ostukrainischen Gebiete Luhansk und Donezk zu konzentrieren, die von den moskautreuen Separatisten beansprucht werden.

Das ukrainische Militär erwartet aber, dass Russland eine Eroberung von Kiew noch nicht endgültig aufgegeben hat. «Der Feind hat die Richtung geändert und wird versuchen, in naher Zukunft die Kontrolle über die Gebiete Donezk und Luhansk zu übernehmen», sagte der Vizestabschef des Heeres, Olexander Hrusewytsch. «Danach müssen wir mit einem weiteren Angriff auf die Hauptstadt rechnen.» Derzeit gebe es im Gebiet Kiew «eine kleine Pause». Diese werde genutzt, um Personal auszubilden und die Verteidigung auszubauen. Die Ukraine wolle für einen neuen Angriff auf Kiew gerüstet sein, sagte Hrusewytsch.

Russland: Ukraine sabotiert Friedensverhandlungen

Russlands Außenminister Sergej Lawrow warf der Ukraine indes eine Sabotage der Friedensverhandlungen vor. Die Ukraine rücke von Bestimmungen ab. Die Ukraine habe sich bei einem vorigen Treffen zu einem blockfreien, neutralen Status verpflichtet und versichert, internationale Militärübungen auf ihrem Territorium nur mit Zustimmung aller künftigen Garantiemächte durchzuführen, darunter auch Russland, sagte Lawrow am Donnerstag der Agentur Interfax zufolge. In der neuen Fassung der Vereinbarung hingegen spreche Kiew nur noch von der «Mehrheit der Garantiemächte» und Russland werde nicht mehr erwähnt, klagte der russische Chefdiplomat.

Russland war am 24. Februar in die Ukraine einmarschiert - also genau vor sechs Wochen. Vier Tage nach der Invasion begannen die ersten Verhandlungen für eine Beendigung der Kampfhandlungen. Nach der Verhandlungsrunde in Istanbul hat Moskau erklärt, seine Truppen vor Kiew abzuziehen und sich auf die Kämpfe im Osten der Ukraine zu konzentrieren.

Selenskyj: EU soll Häfen für russische Schiffe schließen

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte Zypern und die EU derweil auf, die Häfen für russische Schiffe zu sperren. «Wir bitten darum, alle zyprischen Häfen für alle russischen Schiffe zu schließen», sagte Selenskyj in einer Videoansprache an das zyprische Parlament und fügte hinzu: «Das muss auch der gemeinsame Beschluss der Europäischen Union sein.»

Zuvor hatten sich die EU-Staaten zunächst nicht auf die Annahme eines weiteren Sanktions-Pakets gegen Russland einigen können. Umstritten war unter anderem die Forderung von Ländern wie Griechenland und Malta, die Regelungen für eine geplante Hafensperre nicht ganz so streng zu formulieren, wie dies von der EU-Kommission ursprünglich geplant war.

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