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Der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag über seinen Heiligabend, die Bedeutung der Geburt Christi und die Lehren aus der Corona-Krise

Ralph Brinkhaus: „Weihnachten fällt nie aus“

Rheda-Wiedenbrück

Ralph Brinkhaus (52, CDU) ist gläubiger Katholik. Auch der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag aus Rheda-Wiedenbrück (Kreis Gütersloh) feiert Weihnachten anders als sonst. An­dreas Schnadwinkel hat mit Ralph Brinkhaus über das Fest in Zeiten der Corona-Pandemie gesprochen.

Andreas Schnadwinkel

Ralph Brinkhaus (52) aus Rheda-Wiedenbrück ist als Chef der Unionsfraktion im Bundestag der einflussreichste Bundespolitiker aus Ostwestfalen-Lippe. Foto: Michael Wittig

Weihnachten 2020 ist für viele Menschen ein anderes Fest als sonst. Wie gehen Sie persönlich damit um? Welche Pläne haben Sie für Heiligabend?

Ralph Brinkhaus: Weihnachten werde ich ganz viele Menschen nicht sehen, mit denen ich sonst in diesen Tagen zusammenkomme. Darüber bin ich sehr traurig, wie Sie sich vorstellen können. Aber meine Frau und ich haben uns ganz bewusst dazu entschieden, die Kontakte mit anderen ganz stark zu reduzieren. So geht es vielen Familien in diesem Jahr, da sind wir keine Ausnahme.

Was fehlt Ihnen bei diesem Weihnachten am meisten?

Brinkhaus: Vielleicht muss man es mal so sehen: Weihnachten 2020 zwingt uns, uns auf das Nötigste zu beschränken. Eigentlich ist es somit auch eine Chance, sich auf die Botschaft des Weihnachtsfestes zurückzubesinnen. Die großartige Nachricht ist, dass Gott Mensch geworden ist. Darin finden wir Christen überall auf der Welt Trost und Hoffnung. Ich kann mir vorstellen, dass Weihnachten durch die Umstände auch ohne Kirchenbesuch sogar eine besonders spirituelle Erfahrung wird. Niemand kann uns nehmen, zu Hause im Gebet den Dialog mit Gott zu suchen.

Die Geburt Jesu kann unabhängig von äußeren Umständen gefeiert werden. Ist das jetzt Ihr Ansatz?

Brinkhaus: Weihnachten fällt nie aus, für gläubige Christen sowieso nicht. Denn die Tatsache, dass Gott seinen Sohn geschickt hat, bleibt. Mit den Worten „Fürchtet euch nicht!“ kündigten die Engel die Geburt Christi in unserer Welt an, und diese universale Botschaft gilt bis heute – gerade in diesen Tagen, die für viele Menschen eine Herausforderung sind. Die gemeinsame Anstrengung zur Eindämmung des Coronavirus ist Teil der diesjährigen Weihnachtszeit. Wir nehmen Rücksicht aufeinander, wir schützen unseren Nächsten – darin konkretisiert sich die Liebe und die Hoffnung, die mit der Weihnachtsbotschaft verbunden ist.

Was halten Sie vom Vorstoß der Evangelischen Kirche von Westfalen, an Weihnachten auf Präsenzgottesdienste ganz zu verzichten?

Brinkhaus: Der Schritt von Präses Annette Kurschus war unglaublich mutig, weil sie als Erste diese Entscheidung getroffen hat und weil das für viele Gläubige eine harte Entscheidung war. Aber jetzt ziehen auch viele katholische Gemeinden nach. Ich hoffe, dass sich auch andere Religionsgemeinschaften diesem Weg anschließen. Da hat die Evangelische Landeskirche ein hohes Maß an Verantwortung bewiesen.

Man muss davon ausgehen, dass sich viele Leute nicht an die Regeln halten werden, weil sie ihnen egal sind oder sie gar nicht kennen. Müssen Sie als Spitzenpolitiker gerade in diesen Zeiten Vorbild sein? Und fällt Ihnen das leicht?

Brinkhaus: Nicht alles, was gesetzlich möglich ist, muss komplett ausgenutzt werden. Man kann weniger Verwandte treffen, man kann sich zurückhalten und verantwortungsbewusst handeln. Daher möchte ich dringend an alle appellieren, Kontakte zu reduzieren und an Weihnachten im Zweifel auf Besuche zu verzichten. Weniger ist mehr, auch angesichts der Tatsache, dass wir dank des Impfstoffs Licht am Horizont sehen. Bis dahin gilt: Wir alle müssen uns jeden Tag vor Augen halten, dass der Schutz der Schwächsten Priorität hat.

In Ihrer viel beachteten Rede vom 29. Oktober haben Sie die Formulierung „ob und wie wir Weihnachten feiern können“ benutzt. Warum waren Sie so früh skeptisch gegenüber Lockerungen an Weihnachten?

Brinkhaus: Viele Kontakte führen im Zweifel zu vielen Infektionen, das ist die kühle Rechnung der Epidemiologie. Und Weihnachten ist grundsätzlich ein Fest mit besonders vielen Kontakten. Deswegen war mir, aber auch vielen Gesundheitsexperten, schon recht früh klar, dass wir uns auch über Weihnachten etwas einfallen lassen müssen, um die Kontakte zu reduzieren. Im Herbst gehörte ich noch zu einer Minderheit, als ich darauf hinwies, dass der Lockdown light vermutlich nicht ausreichen würde, um uns sicher ins nächste Jahr zu tragen. Ich hielt die Maßnahmen für zu schwach und für zu spät. Trotzdem hätte ich mit meinen Warnungen gerne Unrecht behalten.

In Ostwestfalen-Lippe gibt es mehr Freikirchen und Mennoniten als in vielen anderen Regionen. In den Kreisen Lippe und Minden-Lübbecke gelten diese Gottesdienste als Pandemie­treiber. Bislang hatte die CDU als Partei enge Kontakte in diese Gruppen. Ist das nicht mehr so?

Brinkhaus: Ich bin da vorsichtig mit Pauschalurteilen. Es gibt durchaus viele Religionsgemeinschaften, die mit der Situation verantwortungsvoll umgehen. Aber ich warne auch davor, die in der Tat vorhandenen Probleme klein zu reden oder wegzuschauen. Der Schutz der Bevölkerung geht vor, deshalb muss konsequent kontrolliert werden. Bei Verstößen gegen die Hygiene-Maßnahmen müssen die Verantwortlichen direkt und sehr nachhaltig zur Rechenschaft gezogen werden.

Schon im April sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Ist Weihnachten dazu der passende Anlass?

Brinkhaus: Wir haben diese Pandemie noch nicht überwunden. Und wenn wir es geschafft haben, dann werden wir uns zusammensetzen und sehr gründlich analysieren müssen, was gut gelaufen ist und was nicht gut gelaufen ist. Daraus werden wir unsere politischen Schlüsse ziehen müssen. Nämlich dahingehend, ob die Gesetze für solch eine Krisensituation noch richtig sind, was zum Beispiel die Rolle des Bundestags und die föderale Ordnung angeht. Jetzt gilt weiterhin unsere ganze Kraft der Pandemiebekämpfung. Und wer wem etwas zu verzeihen hat, das werden wir sehen, wenn wir diese Krise hinter uns haben.

In Ihrer Fraktion gibt es den Stephanuskreis, der sich um die Situation verfolgter Christen in aller Welt kümmert. In 144 Ländern der Welt müssen Christen wegen ihres Glaubens leiden. Warum setzt die Bundesregierung diese Länder nicht unter Druck?

Brinkhaus: Im Stephanuskreis beschäftigen wir uns nicht nur mit dem Schicksal verfolgter Christen, sondern auch mit der Lage verfolgter Muslime, Aleviten oder Jesiden. Uns geht es um die Religionsfreiheit an sich. Als Stephanuskreis ist es uns gelungen, mit Markus Grübel aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen Beauftragten der Bundesregierung für weltweite Religionsfreiheit zu berufen. Auf dieser Ebene werden viele Gespräche geführt. Deutschland ist ein starkes Land, wir müssen immer unsere Stimme erheben und Probleme sichtbar machen. Weihnachten ist ein guter Anlass, auf die Schicksale verfolgter religiöser Minderheiten hinzuweisen. Und dass das eben besonders häufig Christen sind, sollte uns gerade jetzt zu denken geben. Wir unterhalten uns hier in Deutschland gerade darüber, ob wir wegen der Pandemie in die Kirche gehen können oder nicht. Im Gegensatz zu Christen in anderen Ländern können wir unseren Glauben aber frei leben. Das ist ein großes Geschenk.

Die Pandemie zeigt, dass es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht so gut bestellt ist und manche Bevölkerungsgruppen nur schwer erreicht und überzeugt werden können. Was kann man dagegen tun?

Brinkhaus: Die Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen ist immer noch sehr hoch, das ist nicht selbstverständlich. Aber es stimmt, dass sich ein kleiner Teil der Bevölkerung distanziert und einige wenige auch radikalisieren. Ich sehe da zwei Gruppen. Es gibt die, die in solchen Situationen immer dagegen sind. Und es gibt die, die zum ersten Mal kritisch reagieren und an den Maßnahmen zweifeln. Die erste Gruppe erreicht man kaum noch, doch die zweite Gruppe ist gesprächsbereit – darum sollten wir versuchen, auf diese Menschen zuzugehen.

Sie sind nicht der Bundespräsident, aber was wären Ihre Kernaussagen in einer Weihnachtsansprache?

Brinkhaus: Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe. Deshalb gilt jetzt ganz besonders: Achtsam sein, Kontakte reduzieren und immer bedenken, dass man seine Entscheidungen nicht nur für sich alleine trifft, sondern immer auch für andere. Für 2021 bin ich optimistisch. Wir sind als Land gut aufgestellt, um aus der Pandemie herauszukommen. Wir haben gesehen, dass wir gut funktionierende Strukturen und ein im Vergleich zu vielen anderen Ländern leistungsfähiges Gesundheitssystem mit engagiertem Personal haben. Hauptamtlich Tätige in den Krankenhäusern, Altenheimen und der Pflege ziehen genauso an einem Strang wie die vielen Ehrenamtlichen beim Deutschen Roten Kreuz, der Caritas oder der Freiwilligen Feuerwehr. Bis auf einige Branchen, denen es wirklich sehr schlecht geht, sind wir bisher auch wirtschaftlich ganz gut durch die Krise gekommen. Wir haben alle Voraussetzungen, nach der Krise durchzustarten. Bis dahin müssen wir uns noch einige Wochen anstrengen und einschränken. Richtung Ostern geht es dann hoffentlich wieder richtig aufwärts.

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