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Ein Drittel der Schüler in NRW wächst mehrsprachig auf

Türkisch nur drinnen

Dortmund (dpa). Gut 100 Sprachen kursieren auf Schulhöfen in Deutschland. Zunehmend viele Kinder wachsen mehrsprachig auf. Ab wann ist eine Sprache eine Muttersprache? Und wie viele passen in einen Kopf?

Yuriko Wahl-Immel

Aslihan Bakkal (39) mit ihren Kindern Ensar (7) und Seymen (3). Foto: dpa

Die meisten Menschen haben nur eine. Seymen (3) und Ensar (7) haben zwei. Türkisch sprechen sie mit Eltern und Großeltern. Deutsch in der Kita, in der Schule und mit Freunden. Zwischen ihren beiden Muttersprachen scheinen die Jungs problemlos hin und her zu springen. „Manchmal fahren wir in die Türkei und besuchen Oma und Opa“, erzählt Ensar auf Deutsch – um sich dann auf Türkisch ein bisschen mit dem Brüderchen zu zanken. „Ich bin schon drei und im Kindergarten“, sagt Seymen stolz, blättert in einem deutschsprachigen Kinderbuch und quengelt dann auf Türkisch. Seine Mutter soll mit ihm spielen.

Mehr als 100 Sprachen

„Unser Weg ist: Zuhause möglichst immer Türkisch, draußen konsequent Deutsch“, sagt Aslihan Bakkal (39), deren älterer Sohn Ensar noch dazu eine englischsprachige Kita besucht hat. „Mehrsprachig aufzuwachsen ist ein Vorteil, eine Bereicherung. Die Kinder werden damit ja auch in zwei Kulturen groß.“

Auf Schulhöfen in Deutschland kursierten insgesamt mehr als 100 Sprachen, sagt Stefanie Bredthauer vom Mercator-Institut für Sprachforschung und Deutsch als Zweitsprache. „Man kann davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Schülerschaft zwei- oder mehrsprachig aufwächst.“ Es gebe je nach Stärke der Zuwanderungsbewegung regionale Unterschiede. NRW gehöre in puncto Sprachenvielfalt zu den Hotspots, erläutert die Expertin der Uni Köln.

Hat ein Kopf bei normaler Kapazität Platz für zwei Muttersprachen, die fehlerfrei nebeneinander funktionieren? Es sei selten, dass jemand zwei Sprachen wirklich mit exakt gleicher Kompetenz und gleichem Wortschatz beherrsche, meint Bredthauer. Ist es dann nicht besser, sich auf eine Muttersprache zu konzentrieren? Dieser Ansatz sei typisch deutsch, findet sie. „Das Bildungssystem sollte die Mehrsprachigkeit viel stärker als Potenzial erkennen, nutzen und systematisch fördern.“ Nachbarn wie Frankreich oder die Niederlande seien da viel weiter.

Zweisprachigkeit nicht immer einfach

Alle Sprachen sollten gleichermaßen wertgeschätzt werden, mahnt Bredthauer. Sprache sei auch Identität, und Lernen habe viel mit Motivation zu tun. Sie beobachtet: „Kinder, die neben Deutsch noch gerne eine zweite Sprache gesprochen haben, verweigern diese plötzlich mit Eintritt in die Schule, weil ihnen dort eine andere Mentalität entgegenschlägt.“ Dort entstehe zu häufig der Eindruck, dass nur Deutsch die erwünschte Sprache sei. Ob Arabisch, Türkisch, Polnisch, Russisch – Lehrer sollten alle Sprachen einbeziehen, die Schüler von Zuhause mitbrächten, und Kinder als Experten heranziehen.

Auch für Seymen und Ensar ist Zweisprachigkeit nicht immer einfach. Es gibt Phasen, in denen mal das Türkische die Nase vorn hat, dann ist eher Deutsch angesagt. Ihre Mutter meint: „Es wird ihnen in Kita und Schule doch sprachlich einiges abverlangt. Ich möchte sie nicht in eine Zwickmühle bringen. Perfektes Deutsch hat deshalb schon Priorität.“

In mehreren Sprachen zuhause zu sein, sei eine kostbare Ressource, auch im Beruf, betont die Dortmunder Bildungsforscherin Nele McElvany. Für den bilingualen Spracherwerb gelte: Je früher, desto besser. In ersten Lebensjahren seien Kinder besonders lernfähig. „Wer auf hohem Niveau bilingual ist, hat oft sehr früh damit angefangen.“

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