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Sieben Tandems wollen SPD führen – Christina Kampmann aus Bielefeld stellt sich bei Regionalkonferenz in Kamen vor

Überraschende Favoritenrolle

Kamen (dpa). Überall strecken sich Arme in die Luft: Viele SPD-Mitglieder haben Fragen an die sieben Bewerber-Duos auf dem Herzen, als die sich bei der ersten NRW-Regionalkonferenz in Kamen vorstellen. Die wird kein automatisches Heimspiel für die nordrhein-westfälischen Kandidaten.

Hilmar Riemenschneider

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken bekommen in Kamen viel Applaus. Foto: dpa

Die Spannung in der mit 1100 Genossen vollbesetzten Stadthalle Kamen ist am Samstagvormittag mit Händen greifbar. Wochenlang mussten die Mitglieder warten, bis die erste von drei Regionalkonferenzen im mit rund 105.000 Sozialdemokraten größten Landesverband NRW stattfindet. Dieses Mal soll die Basis ihre neue Bundesspitze bestimmen. Jeweils fünf Minuten haben die sieben Kandidaten-Paare zunächst, um sich und ihre Schwerpunkte zu präsentieren. Nach einer Fragerunde mit DGB-Landeschefin Anja Weber hatten die Zuhörer eine gute Stunde Zeit, ihre Themen direkt anzusprechen. Den Anfang machen Ex-Finanzminister Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, denen hier - gemessen am Applaus - hörbar viel Sympathie entgegen fliegt. Auch weil sie das Ende der Groko einfordern, die die SPD daran hindere, ihre Politik für mehr Verteilungsgerechtigkeit behindere.

GroKo-Abneigung greifbar

Die Abneigung gegen das Berliner Regierungsbündnis ist hier in Kamen greifbar. Hier, wo Andrea Nahles und Olaf Scholz noch vor zwei Jahren mit knappem Erfolg an der SPD-Basis für die große Koalition geworben haben. Vielleicht auch deshalb ist es für Scholz, der sich zusammen Klara Geywitz bewirbt, ein schwieriger Auftritt. Ihm schlägt viel Skepsis entgegen, zumal weil beide für den Verbleib in der Groko werben.

Die Bielefelder Kandidatin Christina Kampmann (hier bei einer früheren Regionalkonferenz) bewirbt sich mit Michael Roth um den Parteivorsitz. Foto: dpa

Dafür aber überrascht das älteste Bewerberteam: Gesine Schwan und Ralf Stegener treffen mit ihren Positionen den Nerv der Genossen, als sie im Stakkato die Verteilungsfrage nach vorne stellen, eine Wiederbelebung der Friedenspolitik auf die Agenda heben und einen Linkskurs als Gegenbewegung zur CDU beschreiben. Ihre Forderung, dass Parteiführung und Ministeramt zu trennen seien, trifft Scholz und freut die Genossen im Saal.

Für die Bielefelderin Christina Kampmann , die zusammen mit Michael Roth als erste ihre Kandidatur bekundet hat, gibt es deutliche Zustimmung, als sie eine Öffnung der Parteigremien für Kommunalpolitiker und junge Genossen fordern. Der Leverkusener Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach wirbt mit Nina Scheer für den Ausstieg aus der GroKo: »Wenn ihr uns wählt, ist das der Todesstoß für die große Koalition.«

Absage an die schwarze Null

Dass das Bündnis mit der Union für die SPD zum großen Hemmschuh beim Wohnungsbau geworden ist, das eint fast alle Bewerber. Und so wundert es nicht, dass die Absage an die schwarze Null zu einem der für alle Bewerber applausträchtigen Punkte wird. Und auch die Ankündigung, die SPD müsse Hartz IV abschaffen und eine an sozialen Bedürfnissen orientierte Politik machen, findet immer sofort breite Zustimmung. Am vehementesten fordern Hilde Mattheis und Dierk Hirschel einen klaren Bruch mit der Agenda-Politik. Zuletzt habe die Partei gegen die Arbeitnehmer gemacht, kritisieren sie. »Wir haben eine richtige Glaubwürdigkeitsschneise geschnitten«, sagt Mattheis. Und die Reaktion im Publikum zeigt, wie aufgewühlt die NRW-Partei von diese inhaltlichen Krise ist.

In dieser von einem deutlichen Linkstrend geprägten Stimmung hat es das eher gemäßigt auftretende Tandem Petra Köpping und Boris Pistorius eher schwer, Format zu gewinnen. Sie ist sächsische Integrationsministerin, er ist Innenminister in Niedersachen, beide werben für starke Kommunen, einen Altschuldenfonds für überschuldete Städte und die Überwindung der letzten Ost-West-Differenzen etwa bei Tariflöhnen.

Am Ende bleibt der Eindruck, dass in Kamen vor allem die Duos Schwan/Stegener und Walter-Borjans/Esken das Applaus-Ranking für sich entschieden haben. »Wir lieben dich noch immer«, ruft eine Genossin „dem besten Finanzminister aller Zeiten« zu. Gemeint ist Walter-Borjans. Nicht Scholz.

So läuft die Wahl

Das entscheidende Wort, wer künftig die SPD führen soll, haben am Ende die 430.000 stimmberechtigten SPD-Mitglieder. Etwa 130.000 haben sich für ein Online-Verfahren registriert, alle anderen stimmen schriftlich ab. Vom 14. bis 25. Oktober können sie ihre Favoriten bestimmen, in einer Stichwahl soll dann vom 19. bis 29. November ein Kandidatenpaar übrig bleiben, das der SPD-Bundesparteitag am 6. Dezember bestimmen.

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