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Ostwestfalen sitzen auf unbestimmte Zeit auf Teneriffa fest – Mit Fotostrecke

Quarantäne: Urlauber müssen zweimal täglich Fieber messen

Paderborn (WB). In der Tuifly-Maschine aus Teneriffa, die am Mittwoch nach Paderborn/Lippstadt flog, blieben die Sitzplätze mehrerer Ostwestfalen frei – auch die von Dr. Klemens Liekmeier (64) und seiner Frau. Das Ehepaar gehört zu den etwa 1000 Urlaubern, die im Hotel „Costa Adeje Palace“ an der Westküste Teneriffas wegen Corona-Verdachts unter Quarantäne stehen . Am Donnerstag gab es einen neuen Zwischenstand.

Christian Althoff

Blick aus dem Hotel: Die Promenade ist gesperrt, Krankenwagen und Polizeifahrzeuge stehen vor dem „Costa Adeje Palace“. Foto:

„Vor dem Hoteleingang wurde vom Katastrophenschutz eine Sanitätsstation für die ambulante medizinische Versorgung eingerichtet“, teilte Dr. Liekmeier mit. Das Restaurant sei seit Mittwoch wieder geöffnet, so der Mediziner weiter: „Auch warme Küche wird wieder angeboten“. Das Personal verhält sich weiterhin freundlich und hilfsbereit. „Trotzdem gibt es bei den Gästen Kotzbrocken, die sich über alles beschweren, aber nicht auf die Idee kommen, ihr Geschirr selbst zurück zu bringen“, so Dr. Liekmeier.

Darauf eingestellt, zwei Wochen festzusitzen

Wer zahlt bei Quarantäne?

Wer für den Verdienstausfall deutscher Arbeitnehmer aufkommt, die unter spanischer Quarantäne stehen, ist unklar. In Deutschland gibt es dagegen klare Regeln. Fachanwalt Arndt Schirneker-Reineke aus Bad Salzuflen: „Bei Infektion oder einem schweren Verdacht kann das Gesundheitsamt ein Arbeitsverbot und Quarantäne verhängen. Arbeitgeber müssen das Gehalt bis zu sechs Wochen weiterzahlen, können es sich aber vom Gesundheitsamt zurückholen. Nach den sechs Wochen zahlt das Gesundheitsamt direkt an die Betroffenen Beträge in Höhe des Krankengeldes der gesetzlichen Krankenkassen.“ Selbstständige könnten direkt beim Amt ihren Anspruch auf Ersatz entgangener Honorare anmelden. „Dabei gilt eine Frist von drei Monaten ab Beginn der Quarantäne.“

Am Dienstagabend wurden mehrsprachige Flugblätter an die Gäste verteilt, auf denen es hieß, das Hotel bleibe bis auf weiteres unter Quarantäne. „Wir haben uns darauf eingestellt, die nächsten zwei Wochen hier festzusitzen“, sagte der Paderborner Arbeitsmediziner am Telefon. Zuvor war bei einem italienischen Ehepaar, das eine Woche Urlaub in dem Hotel gemacht hatte, das Corona-Virus nachgewiesen worden. Die beiden liegen jetzt auf Teneriffa im Krankenhaus in Isolierzimmern.

Kurz vor Mitternacht untersucht

„Am Dienstag wurden alle Urlauber und Mitarbeiter in ihrem Zimmern untersucht“, sagt der Arbeitsmediziner. „Wir waren kurz vor Mitternacht dran. Zwei Krankenschwestern haben uns nach möglichen Beschwerden gefragt und auf der Stirn die Temperatur gemessen. Sie haben uns ein Fieberthermometer dagelassen, mit dem wir jetzt zweimal am Tag unsere Temperatur messen sollen. Wenn wir etwas Auffälliges feststellen, sollen wir die Rezeption anrufen.“ Das Fiebermessen sei sinnvoll, denn wahrscheinlich lasse sich das Virus erst bei Fieber nachweisen.

Lunchpakete auf den Zimmern

Der Paderborner sagt, er habe in den 90ern im Flüchtlingslager Staumühle DDR-Bürger und Russlanddeutsche behandelt, die wegen der zugigen Baracken zu hunderten erkältet gewesen seien. „So viele Patienten auf einmal sind schon eine Herausforderung, und ich muss sagen, dass die Spanier das hier gut organisiert haben.“ Auch die Mitarbeiter des Hotels gäben sich jede Mühe, obwohl sie selbst von der Quarantäne betroffen seien. „Eine warme Küche ist unter diesen Umständen wahrscheinlich nicht aufrechtzuerhalten. Wir werden in unseren Zimmern mit Lunchpaketen versorgt. Zuletzt waren in den Tüten Nudelsalat, Baguettes, Croissants, Marmelade, Joghurt, Obst und Getränke.“ Wer einen Mundschutz trage, dürfe sein Zimmer verlassen und sich in der Anlage bewegen. „Wir haben uns heute Morgen Kaffee aus dem Speisesaal geholt, und meine Frau ist im Moment im Garten an der frischen Luft – das Beste gegen Viren.“

Auf einer Türklinke überlebt das Virus rund neun Tage

Zwei Wochen Quarantäne  – da könne sich noch manches Pro­blem auftun, sagt der Paderborner. „Dass man zu wenig Kleidung hat und die Sachen zwischendurch im Waschbecken durchwaschen muss, ist noch das kleinere Übel. Aber was ist mit chronisch kranken Urlaubern, deren Medikamentenvorrat jetzt zu Ende geht?“ Für Selbstständige wie ihn bedeute die Quarantäne außerdem einen finanziellen Verlust: „Ich kann ja zwei Wochen nicht arbeiten.“ Obwohl – die ein oder andere Email-Anfrage beantwortet der Arbeitsmediziner doch von Teneriffa aus: „Einige Kunden wollten wissen, ob sie Waren, die sie aus China bekommen, desinfizieren müssen. Ich konnte sie beruhigen. Das Virus braucht einen Wirt, sonst stirbt es. Auf Türklinken und anderen Gegenständen überlebt es bei Raumtemperatur etwa neun Tage.“

Während die Ostwestfalen auf Teneriffa festhängen, sind andere Touristen aus dem Hotel, die vielleicht Kontakt zu dem infizierten italienischen Paar hatten, vor Verhängung der Quarantäne nach Deutschland zurückgeflogen. Kennen die Behörden deren aktuellen Aufenthaltsort? Werden diese Heimkehrer untersucht? Eine entsprechende Anfrage dieser Zeitung ließ das Bundesgesundheitsministerium am Mittwoch unbeantwortet.

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