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Dr. Albert Christmann über die ersten 16 Monate an der Spitze der Dr.-Oetker-Gruppe

»Alles im Rahmen der Unternehmenskultur«

Bielefeld (WB). Dr. Oetker will vor allem aus sich selbst heraus wachsen – »durch Innovationen« sagt Dr. Albert Christmann (55). Das schließt weitere Übernahmen, auch im großen Stil, nicht aus. Seit 27 Jahren ist Christmann bei Oetker, seit August 2017 als Nachfolger Richard Oetkers Chef der Gruppe und seit gut einem Jahr auch der Nahrungsmittel. Mit ihm sprach Bernhard Hertlein.

Dr. Albert Christmann steht seit August 1990 an der Spitze der Bielefelder Dr. Oetker-Gruppe.

Das Jahr ist noch lange nicht zu Ende. Trotzdem, was können Sie sagen: Wie entwickeln sich 2018 die Geschäfte?

Dr. Albert Christmann: Das Geschäftsjahr 2018 wird »wirklich ordentlich«. Bewohner von Ostwestfalen und Kenner der Oetker-Gruppe wissen diesen umschreibenden Begriff sicherlich einzuschätzen. Zu dem erfreulichen Wachstum in den bestehenden Geschäften kommen vielversprechende Akquisitionen. Ob Natura in Tschechien, Tag El Melouk in Ägypten, Chateau Gateaux in Südafrika oder Wilton in den USA: Sie alle stärken unsere internationale Präsenz. Mit der Übernahme von Freixenet wird unsere Tochter Henkell Weltmarktführer bei Schaumweinen. Unsere Biersparte hat wichtige Zukäufe im Bereich des Getränkegroßhandels getätigt und übernimmt beispielsweise mit dem Kauf der Firma Leiter in Bebra, die Nummer 1 bei der Sortierung von Leergutflaschen. Sie löst ein Problem, das in der Vergangenheit immer wieder für Engpässe bei der Leerflaschenversorgung von Brauereien gesorgt hat. Zusätzlich sichert die neue Logistik-Allianz der Radeberger-Gruppe mit der Brauerei Veltins die Versorgung der Biertrinker mit einem kühlen Pils oder anderen Getränken gerade an Sommertagen wie in diesem Jahr.

Planen Sie Weitergehendes mit Veltins? Zum Beispiel eine Übernahme?

Christmann: Die Eigentümerin und die Geschäftsführung von Veltins haben eindeutig erklärt, dass ein Verkauf der Brauerei nicht zur Debatte steht. Das ist also kein Thema. Erfreulicher Weise hat sich unsere Biersparte, die Radeberger Gruppe, 2018 auch ohne Übernahme einer Marke sehr ordentlich entwickelt. Ansonsten schauen wir mal, was die nächsten Jahre bringen.

Dr. Albert Christmann

Trotz der WM-Pleite der deutschen Nationalmannschaft hat sich Radeberger gut entwickelt?

Christmann: Aus Branchensicht ist nicht der Fußball, sondern das Wetter der wichtigste Spieler auf dem Platz. Und dieser, der 12. Mann, war in diesem Sommer in Top-Form. Wenn es um 22 Uhr noch 22 Grad warm ist, sind das die besten Bedingungen für den Bierabsatz.

Mit dem Verkauf der Reederei Hamburg-Süd fehlen Oetker gut 50 Prozent des früheren Konzernumsatzes. Wie sehr vermissen Sie das Geschäft mit der Schifffahrt?

Christmann: Der Verkauf war zu diesem Zeitpunkt und angesichts des erzielten Verkaufspreises genau richtig. Die Handelsschifffahrt konsolidiert sich. Dass wir selbst als Käufer anderer großer Reedereien aufgetreten wären, hätte die Möglichkeiten unseres Familienunternehmens überschritten. Die damit verbundenen finanziellen Notwendigkeiten hätten wir nicht schultern können.

Immerhin haben Sie jetzt Geld in der Kasse. Stehen weitere größere Übernahmen an?

Christmann: Zunächst einmal wollen wir uns bisheriges Geschäft weiterentwickeln, was uns 2018 ganz gut gelungen ist, und was uns bestärkt, diesen Weg konsequent weiterzugehen. Und dann werden wir uns darauf konzentrieren, die schon getätigten Akquisitionen zu integrieren, um Synergien zu erschließen. Weitere Firmenkäufe wird es sicherlich geben, aber es müssen die richtigen Unternehmen zum Verkauf stehen. Das sind solche, mit denen wir in für uns neue Länder eintreten können, das sind solche, in denen wir unsere bestehenden Märkte und Branchen konsolidieren können oder aber solche, mit denen es leichter und vor allem schneller ist, für uns wichtige Geschäfts-Innovationen zu etablieren anstatt sie selbst zu entwickeln. Ungeachtet von allem setzten wir auf unsere eigenen Mitarbeiter. Sie zeigen jeden Tag, wie gut sie ihr heutiges Geschäft beherrschen und wie innovativ sie sind. Das ist eine wirkliche Freude. Ich bin richtig stolz darauf! Aber spannend ist auch, dass wir es schaffen, aus uns heraus, ganz neue Geschäfte entstehen zu lassen: So wurde der Lieferdienst ­Juit.com gemeinsam von Oetker Digital und Dr. Oetker Professional konzipiert und entwickelt. Probieren Sie mal selbst. Wir bieten lecker schmeckende, gesunde und fertig zubereitete Gerichte für anspruchsvolle Gourmets, die per Smartphone bestellt und dann nach Hause geliefert werden. Im Internet können Sie sehen, wer kocht, und die Rezeptem runterladen. Alles transparent, offen und ein Beispiel für unsere Innovationskraft.

Könnte man sich das auch für die Oetker-Tiefkühlpizza vorstellen?

Christmann: Vorstellbar ist manches. Aber wir beginnen neue Geschäfte nur, wenn wir etwas ganz Besonderes und aus Verbrauchersicht Relevantes anbieten können. Auch müssen wir schon genau hinschauen, ob neue Produktkategorien von kompetenten Wettbewerber schon besetzt sind. Nur wenn wir in der Lage sind, gegen solche nachhaltig bestehen zu können, würden wir in solche Märkte gehen.

Mit dem »Café Gugelhupf« sind Sie sogar Gastronom geworden…

Christmann: Und das sehr erfolgreich. Bei einer Publikumsumfrage zum besten neuen gastronomischen Konzept landete unser »Café Gugelhupf« in der Schweiz unter 116 Innovationen auf Platz 3. Im Januar 2019 werden wir Bilanz für das Café ziehen, und es sieht schon jetzt recht gut aus. Dann kann es sein, dass wir auch in Deutschland Cafés à la »Café Gugelhupf« eröffnen werden.

Dr. Albert Christmann

Nach Tourismus, Bekleidung und Unterhaltungselektronik wird aktuell über einen wachsenden Onlineanteil auch im Lebensmittelhandel spekuliert. Amazon hat schon ehrgeizige Pläne. Womit rechnen Sie?

Christmann: Das oder Amazon-ähnliche Geschäftsmodelle werden auch bei Nahrungsmitteln weiter wachsen. In Deutschland liegt der Onlineanteil im Lebensmittelhandel erst bei einem Prozent. Der wird in fünf Jahren aber ganz sicher viel höher sein. Jetzt schon liegt der Anteil in den USA und in Großbritannien bei etwa fünf und mehr Prozent. Auf Dauer wird er auch in Deutschland auf zehn Prozent steigen.

Schwere Zeiten also für den stationären Lebensmittelhändler?

Christmann: Nicht schwere, aber herausfordernde und gerade deswegen chancenreiche Zeiten. Noch ist Deutschland mit Einkaufsstätten besser ausgestattet als die meisten anderen Länder. Aber es wird mit wachsendem Online-Anteil zu Schließungen an unattraktiver Standorten kommen – mit der Folge, dass der für Verbraucher nächste stationäre Laden schwerer erreichbar ist. Damit verliert er an Attraktivität. Andererseits zeigt etwa der Erfolg des Pop-up-Stores von Amazon in Berlin, dass neben den Discountern, die ihre Bedeutung meiner Meinung nach behalten werden, die Geschäfte vor Ort genügend Kunden finden können, wenn sie mit einem interessanten Angebot aufwarten. In den neuen Amazon-Supermärkten in den USA haben Sie zum Beispiel die Möglichkeit, Waren einfach mitzunehmen. Bezahlt wird automatisch mit dem Smartphone. Keine Warteschlangen an der Kasse. Alles einfach und schnell. Damit ist der stationäre Einkauf sogar noch einfacher und komfortabler als die Bestellung im Internet, bei der man doch einige Zeit auf die Paketauslieferung warten muss und vor allem zu einer bestimmten Zeit zu Hause muss. Letztlich wird die Welt bunter und abwechslungsreicher. Sie bietet aber vor allem neue unternehmerische Chancen.

Wie stellt sich Dr. Oetker auf den E-Commerce ein?

Christmann: Entscheidend ist, dass wir uns an den Bedürfnissen der Verbraucher ausrichten. Gerade die junge Generation aber ändert ihr Konsum- und Einkaufsverhalten. Darauf müssen wir uns einstellen. Das heißt, wir informieren über das, was wir verkaufen wollen im Internet, sprechen mit Verbrauchern über Soziale Medien direkt, wir beliefern Onlinehändler und wir liefern, wie man bei Juit.com oder beim Getränkelieferdienst Durst-Express sieht, auch selbst online bestellte Ware aus. Wir waren schon immer innovativ, auch unser Gründer ist schon vor 127 Jahren ganz neue Wege gegangen, indem er auf seine Backpulver-Tütchen Rezepte aufgedruckt und der Kundschaft so einen Mehrwert geboten hat. Das war, wie man heute sagen würde, »Content«- und »Influencer Marketing at its best«. Hätte es das Internet damals schon gegeben, hätte Dr. August Oetker es sicher auch genutzt und unternehmerische Chancen beherzt ergriffen.

Also alles schon mal da gewesen?

Christmann: Wenn Sie es so wollen, ja. Ständige Veränderung ist inzwischen die Regel. Dr. Oetker musste sich im Laufe der Firmengeschichte mehrmals neu erfinden, um sich gleichzeitig treu zu bleiben. Was sich geändert hat, ist das Tempo. Dauerte es früher eine Generation, bis sich etwas grundlegend Neues durchsetzen konnte, so geschieht das heute mehrmals im Verlauf einer einzigen Generation. Man sollte sich vor Augen führen, dass die Zeit wird nie wieder so langsam sein wird, wie sie heute ist.

In den sozialen Medien erhält Oetker das eine Mal viel Lob für pfiffige Antworten, im anderen Fall, etwa bei einer angeblich frauenfeindlichen Werbung, aber auch herbe Kritik. Wie wollen Sie das Medium weiter handhaben?

Christmann: Man muss Facebook & Co nehmen wie sie sind – gerade mit der großen Reichweite und der Schnelligkeit, die es dem Nutzer abverlangt. Da passieren auch schon mal Fehler. Aus ihnen lernen wir. Aber wir dürfen nicht aufhören, »locker« zu bleiben – lockerer, als das, was man mit Dr. Oetker vielleicht in der Vergangenheit verband. Wer nicht auch mal witzig sein kann, hat bei Facebook nichts verloren. Ich vertraue da voll und ganz unseren erfahrenen Mitarbeitern – auch wenn sie teilweise noch jung sind. Die machen das wirklich gut.

Dr. Albert Christmann

Öffentlich loben Sie Ostwestfalen-Lippe für die Founders Foundation und andere Gründerinitiativen. Aber Oetkers eigene Denkschmiede in diesem Bereich hat ihren Sitz in Berlin. Warum?

Christmann: Weil beides zusammengehört. Berlin ist der Mittelpunkt der digitalen Szene in Deutschland. Und in Ostwestfalen haben wir den Zugang zur hiesigen Gründerszene – auch die ist richtig gut. Meines Erachtens ist es klug, beides, also Berlin und Ostwestfalen zu vernetzen.

Sie sind das erste Nicht-Familienmitglied an der Spitze von Dr. Oetker. Ist das ein kultureller Bruch im Unternehmen?

Christmann: Das glaube ich nicht. Ja, es ist anders, aber kein Bruch. In 27 Jahren Betriebszugehörigkeit habe ich die Oetkersche Kultur wertschätzen gelernt und verinnerlicht. Natürlich hat jeder von uns auch einen eigenen Führungsstil. Aber für mich kann ich sagen, dass alles im Rahmen der von mir sehr wertgeschätzten Unternehmenskultur liegt. Hinzu kommt, dass die Inhaberfamilie in zahlreichen Beiräten weiterhin maßgeblichen Einfluss ausübt und deswegen dem Unternehmen sehr nahe geblieben ist.

Wie oft telefonieren Sie mit den Gesellschaftern? Täglich?

Christmann: Täglich wäre etwas übertrieben. Ich muss ja auch arbeiten (lacht). Aber immer wieder. Sie können versichert sein, dass die Mitglieder der Familie Oetker unverändert und sehr am Unternehmen interessiert sind und sich deswegen auch regelmäßig darüber informieren, was gerade wo und warum passiert.

Nach außen haben Sie sich bisher mit Stellungnahmen zurückgehalten. Wer ist Dr. Albert Christmann?

Christmann: Ich bin nicht wirklich wichtig. Es geht um das Unternehmen und die Mitarbeiter, die und deren Familien von unserem Unternehmen leben. Deswegen ist der nachhaltige Erfolg des Unternehmens so wichtig. Aber zurück zu Ihrer Frage: Da sollten Sie vielleicht andere fragen, die mich wirklich kennen – meine Familie oder Mitarbeiter von mir. Ich kann nur sagen, worauf ich bei anderen und damit natürlich auch bei mir Wert lege. Das sind ein gesundes Maß an Bescheidenheit, viel Leidenschaft und ein gerüttelt Maß an Kompetenz. Diesen Dreiklang schätze ich – auch bei anderen. Und ihn versuche ich auch bei mir in Übereinstimmung zu bringen. Es wäre schön, wenn dies immer öfter gelänge...

Und konkreter: Backen Sie auch mal selbst?

Christmann: Meine Kernkompetenz liegt eher im Verkosten. Darin bin ich seit Kindesbeinen geübt. Ich liebe aber auch das Backen. Es ist kreativ, häufig gesellig, macht Spaß und man kann stolz auf das Selbstgemachte sein. Ja, es macht mir – wenn ich einmal dazu komme – sehr viel Freude.

Essen Sie jeden Morgen ein Müsli? Wenn ja, welches?

Christmann: In der Tat beginnt mein Tag mit Müsli. Dabei liebe ich es, immer neue Sorten unserer Marke Vitalis auszuprobieren.

Dr. Albert Christmann

Ihre Lieblingspizza?

Christmann: Ich bin mit der Ristorante groß geworden, mag aber alle Sorten. Vielleicht Spinaci etwas mehr, gern aber auch mal die Grundvariante Margherita – und hier von der neuen Marke La Mia Grande.

Ihr Lieblingsbier?

Christmann: Das hängt von der Situation ab. Im Sommer besonders Jever, sonst auch unsere Stammmarke Radeberger oder das Allgäuer Büble. Und wenn ich in Frankfurt bin, muss es Binding sein – die Biermarke, die meiner Meinung nach am meisten unterschätzt wird.

Trinken Sie das Oetkersche Mineralwasser Selters still oder spritzig?

Christmann: Spritzig, und zwar seit meiner Kindheit. Dort, wo ich aufgewachsen bin, ist der Name Selters das Synonym für Mineralwasser.

Mit welchem Sekt stoßen Sie auf Erfolge an?

Christmann: Derzeit probiere ich erstmal, wenn sich die Gelegenheit ergibt, die verschiedenen Sorten unserer neuen Marke Freixenet.

Verraten Sie uns Ihr Hobby?

Christmann: Wein. Als Sohn eines Winzers bin ich in den Weinbergen groß geworden – übrigens in der Nähe von Schloss Johannisberg, unserem Weingut. Daher meine Leidenschaft für alles, was mit Wein zu tun hat.

Ihre Vorliebe?

Christmann: Ich mag besonders deutschen Wein, dessen Qualität sich in den vergangenen 30 Jahren sehr gut weiterentwickelt hat. Aber ich weiß auch italienische und andere Weine sehr zu schätzen.

Was war das Thema ihrer Promotion?

Christmann (lacht): Wollen Sie das wirklich wissen? »Nichtlineare Differenzen und Differentialgleichungssysteme und deren Auswirkungen in der Ökonomie«.

Klingt sehr mathematisch…

Christmann: Das ist es auch. Mein Promotionsthema sollte aber nicht den Blick darauf verstellen, dass ich heute sehr wohl weiß, wie bedeutsam auch andere Talente für gute Unternehmer sind – insbesondere die Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen. Das ist für den Unternehmenserfolg noch wichtiger als die Zahlenökonomie.

Und zum Schluss: Wo würden Sie wohnen wollen, wenn Sie nicht diese anspruchsvolle Aufgabe in Bielefeld hätten?

Christmann: Dort, wo ich liebe Menschen um mich habe. Das ist das Entscheidende. Meine Frau und ich fühlen uns in Ostwestfalen sehr wohl. Aber ich genieße es auch, mal wieder an einem Wochenende bei meinen Eltern in Rheinhessen zu sein und durch die Weinberge zu gehen…

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