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Anforderungen an den »Grünen Knopf« sollen später steigen

Grüner Knopf: OWL-Firmen machen nicht mit – was leistet das Siegel?

Bielefeld (WB/in). Der »grüne Knopf«, das von Bundesminister Gerd Müller (CSU) am Montag in Berlin vorgestellt neue staatliche Textilsiegel , wirft viele Fragen auf. Und längst nicht alle lassen sich befriedigend beantworten.

Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, trägt während der Pressekonferenz zur Vorstellung des »Grünen Knopfes« einen Anstecker mit dem Symbol des staatlichen Textilsiegels am Revers Foto: dpa

Was ist der »grüne Knopf«?

Der »grüne Knopf« ist ein staatliches Siegel für die ökologisch und sozial nachhaltige Produktion von Kleidung. Die Kriterien wurden unter Federführung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen eines »Textilbündnisses« erarbeitet, in dem Hersteller, Händler, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen wie die »Aktion Saubere Kleidung« Mitglied sind. Über die Vergabe entscheidet letztlich das Ministerium.

Interessiert sich der Verbraucher überhaupt für die Produktionsbedingungen?

In Umfragen geben bis zu 75 Prozent an, dass ihnen das Thema wichtig ist. In der Praxis achten jedoch viele und manche auch ausschließlich auf Sonderangebote und Schnäppchen.

Wie viele Unternehmen machen mit?

Zum Start sind es 27; 26 weitere sind im Prüfprozess. Die Mitwirkung von Firmen, die ausschließlich Fremdprodukte vertreiben, ist nicht vorgesehen. Dazu zählen vor allem viele Onlinehändler wie Amazon, Alibaba und Zalando.

Erfasst das Siegel ausschließlich Kleidungsstücke?

Nein, der »grüne Knopf« wird zum Beispiel auch für Heimtextilien wie Bettwäsche vergeben sowie für Rucksäcke und ähnliche Outdoor-Produkte.

OWL-Firmen machen beim »Grünen Knopf« nicht mit

Die Billigketten Kik und Primark sowie Modehausketten wie P&C, C&A, H&M und Zara auch Markenhersteller einschließlich in OWL Gerry Weber, Seidensticker, Ahlers, Brax, Bugatti und Maas Natur machen beim »Grünen Knopf« nicht mit.

Der Bielefelder Hemden- und Blusenspezialist Seidensticker, obwohl seit Beginn Mitglied im sogenannten Lenkungsausschuss des Textilbündnisses, begründet das damit, dass die Anforderungen beim »Grünen Knopf« zu gering seien. Nico Kemmler, Experte bei Seidensticker für Ökologie und Sozialverantwortung, nennt das Fehlen einer Verpflichtung, Beschäftigten existenzsichernde Löhne zu zahlen. Außerdem seien die Anforderungen an die Rohstofflieferungen so gering, dass die Baumwollfarmer weiterhin Pestizide und Herbizide in großem Ausmaß sowie gentechnisch verändertes Saatgut einsetzen könnten.

Deckt das Siegel den kompletten Produktions- und Auslieferungsprozess ab?

Das ist das Ziel von Bundesminister Gerd Müller. Zum Start werden nur die Arbeitsschritte »Zuschneiden und Nähen« sowie »Bleichen und Färben« erfasst. In den kommenden Jahren allerdings soll der »Grüne Knopf« auf weitere Produktionsschritte wie den Baumwollanbau ausgeweitet werden. Auch die Sozial- und Umweltkriterien werden kontinuierlich weiterentwickelt, etwa hin zu existenzsichernden Löhnen. Zum Start verpflichten sich die Unternehmen nur, die im Land geltenden Mindestlöhne zu zahlen.

Wie hoch sind denn die Löhne für Textilarbeiterinnen?

In Bangladesch, dem weltweit nach China zweitgrößten Produktionsland, beträgt der Mindestlohn monatlich umgerechnet Euro. In Äthiopien erhalten Näherinnen weniger als 20 Cent die Stunde. Das reicht nicht für Miete, Essen, Schule oder einen Arzt. Der Lohnanteil an einem Marken-T-Shirt beträgt nach Angaben des Ministeriums 0,6 Prozent.

Welche weiteren Kriterien müssen die Firmen erfüllen?

Insgesamt sind 26 Sozial- und Umweltstandards einzuhalten – von Abwassergrenzwerten und dem Verbot gefährlicher Chemikalien bis zum Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit. Dafür sind auch die Lieferanten offenzulegen. Und für die Näherinnen müssen vor Ort Beschwerdemöglichkeiten eingerichtet sein.

Warum machen ausgerechnet Anbieter von ökologisch produzierter Kleidung nicht mir?

Reinhard Maas, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Gütersloher Textilunternehmens Maas Natur GmbH, begrüßt zwar grundsätzlich die Festlegung von Mindeststandards. Für Unternehmen, die aber mit ihren Lieferanten längst strengere Auflagen vereinbart haben und dies durch anerkannte Siegel wie etwa Gots kontrollieren ließen, bedeutete der »grüne Knopf« ein Schritt zurück. Es bestehe die Gefahr, dass die Verbraucher am Ende die unterschiedlichen Bedingungen für die Siegel nicht mehr auseinander hielten.

Warum machen die ostwestfälischen Bekleidungshersteller beim »grünen Knopf« nicht mit?

Für Seidensticker, führendes Mitglied im Textilbündnis, gehen die Bestimmungen nicht weit genug. Annette Koch, für Social Responsibility bei Gerry Weber zuständig, begründet dies damit, dass es sich um ein rein deutsches Siegel handele, das international und sogar europaweit nicht anerkannt sei. Ähnlich äußert sich Stefan Jahn, Nachhaltigkeitsmanager bei Bugatti: »Ein weiteres und dazu nationales Siegel bringt mehr Unsicherheit als Klarheit.« Beide Hersteller verweisen auf eigene Projekte und andere Siegel.

Und die Katag AG, die immerhin der größte Partner des mittelständischen Modehandels ist?

Vorstandssprecher Daniel Terberger vertraut ebenfalls auf weitergehende Siegel wie BSCI, Anchory und Gots, die das Bielefelder Unternehmen längst nutze. Am Ende wisse der Verbraucher nicht, woran er sich halten solle. Wie die anderen OWL-Modefirmen schließt aber auch Terberger nicht, aus, später noch zum Textilbündnis hinzuzustoßen.

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