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Modernisierung des Gesundheitssystems - Digitalisierung als Lösung für den Pflegenotstand?

Seit Jahrzehnten fehlt es in Deutschland an Pflegepersonal. Nun soll ein Großteil des Gesundheitssystems moderner werden. Doch wie genau könnten konkrete digitale Lösungen aussehen und können diese dem Pflegekräftemangel überhaupt entgegenwirken?

Aschendorff Medien

Foto: Colourbox

Seit in den 1960ern und 70ern bundesweit Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen gebaut wurden, fehlt es in Deutschland an Pflegepersonal. Bisher wurde versucht diese Lücke durch ausländische Hilfskräfte, Quereinsteiger und Leiharbeiter zu füllen. Doch die Coronapandemie hat auf erschreckende Weise gezeigt, dass der Mangel an Pflegekräften weitaus höher ist, als viele bisher gedacht haben. Um auf zukünftige Krisen besser vorbereitet zu sein, aber auch, um den Arbeitsalltag von Pflegern zu verbessern, wurden bereits einige Reformen beschlossen.

Neue Regelungen für Pflegeausbildung

Die wohl größte Verbesserung der momentanen Zustände findet momentan durch das Pflegeberufereformgesetz der Bundesregierung statt. Dieses wurde bereits 2017 beschlossen und hat das Ziel eine zukunftsfähige und qualitativ hochwertige Pflegeausbildung für die Kranken-, Kinderkranken- und Altenpflege zu gewährleisten. Der Hauptkern der Reform ist die Verallgemeinerung der zahlreichen Pflegeberufe in eine gemeinsame Ausbildung. Nach dieser können sich Absolventen beliebig auf einen Pflegeteilbereich ihrer Wahl fokussieren, um sich in diesem zu spezialisieren. Dadurch ist die Ausbildung zum Pfleger zukünftig weniger kompliziert, und bundesweit vergleichbar. Hinzu kommt, dass eine eventuelle Weiterbildung in der Pflege, beispielsweise zum Intensiv- oder Kinderpfleger vereinfacht wird. Zusätzlich ist in der neuen Gesetzesreform auch die Einführung eines Pflegestudiums enthalten, um theoretisches Wissen stärker mit der praktischen Pflege zu verbinden.

Modernisierung als unterstützende Maßnahme

Im Gegensatz zur Industrie 4.0, die als vierte industrielle Revolution die gesamte Wirtschaft reformieren soll, dient die Modernisierung des Gesundheitswesens hauptsächlich als Unterstützung für medizinisches Personal, statt es zu ersetzen. Im Vordergrund steht dabei die Digitalisierung der gesamten Verwaltung sowie die Vernetzung aller digitaler Gesundheitsanwendungen. Dadurch sollen jegliche medizinische Informationen, welche beispielsweise zur Behandlung von Patienten notwendig sind, schnell und einfach verfügbar sein.

Stichwort ist hierbei die Telematikinfrastruktur (TI), durch welche alle Beteiligten des Gesundheitswesens in Zukunft miteinander kommunizieren sollen. Diese ist jedoch schwierig umzusetzen. Alle Komponenten der TI müssen vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert sein, da sensible Daten von Patienten besonders geschützt werden sollen. Nur mithilfe der TI können Arztpraxen und Kliniken in Zukunft mit dem KIM-Fachdienst kommunizieren. KIM steht für „Kommunikation im Medizinwesen“. Darüber können dann sehr sichere E-Mails verschickt werden, welche nur mit speziellen Endgeräten lesbar sind. Dadurch können Mails theoretisch von Hackern abgefangen werden, sind für diese dann aber unbrauchbar.

Digitale Lösungen für ältere Menschen

Neben der Digitalisierung der Verwaltung, wie sie mittlerweile in jeder Branche stattfindet, ist die Entwicklung neuer Technologien für ältere Menschen momentan ein beliebtes Gebiet für Start-ups und Digitalfirmen. Denn Menschen werden zwar immer älter, wollen oftmals aber dennoch am digitalen Leben teilnehmen. Doch der Einstieg in den komplexen Bereich der Internettechnologien ist für viele Ältere eine große Herausforderung. Die so entstandene Marktlücke für altersgerechte Smartphones und Tablets wollen zahlreiche Unternehmen für ihre eigenen Zwecke nutzen. Denn, falls ein Gerät sich in diesem Markt etablieren kann, ist das Kundenpotenzial riesig. Solche Geräte könnten dann auch in Pflegeeinrichtungen zum Einsatz kommen, um interessierten Patienten die Möglichkeit zu geben sich digital zu vernetzen.

Neben Unterhaltung haben neue, digitale Lösungen noch einen weiteren Nutzen: Sie können den Alltag von älteren Menschen sicherer und bequemer gestalten. Viele Smartphones können bereits jetzt feststellen, wenn ihr Nutzer hinfällt und entsprechend reagieren. Da bereits ein kleiner Sturz schwerwiegende Folgen für Ältere haben kann, kann so sichergestellt werden, dass automatisch Pflegepersonal benachrichtigt wird, um nachzuschauen. Auch können Wohnkomplexe modernisiert werden, um über automatisch öffnende Türen oder hoch- oder niederfahrbare Küchenzeilen zu verfügen.

Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung

Viele dieser neuartigen Technologien erscheinen auf den ersten Blick wie unnütze Gadgets. Doch durch kleine Geräte, wie einen Sturzdetektor, können ältere Menschen bereits selbstständiger agieren. Dadurch werden weniger Pfleger benötigt, die dann beispielsweise in Intensivstationen eingesetzt werden können. Dasselbe gilt bei der Digitalisierung in der Verwaltung.

Wenn bereits 30 Minuten pro Tag für das Abtippen von Dokumenten oder Schreiben von Faxen wegfallen, könnten bei einer Fünf-Tage-Woche zehn Stunden mehr im Monat für die Pflege und Betreuung von Patienten genutzt werden. Bei 1,4 Millionen Pflegekräften in Deutschland wären das 14 Millionen Arbeitsstunden mehr pro Monat. Dies entspreche bei einer Arbeitsleistung von 160 Stunden im Monat ganzen 87.500 Pflegern zusätzlich. Momentan werden in Deutschland etwa 120.000 Pfleger benötigt, um den Pflegekräftemangel auszugleichen. Die Digitalisierung könnte also maßgeblich dazu beitragen das momentan verfügbare Pflegepersonal zu entlasten.

Nur durch mehr Personal wird der Beruf attraktiver

Das Pflegeberufereformgesetz und weitere Maßnahmen der Bundesregierung, sowie die Digitalisierung, werden in Zukunft hoffentlich mehr junge Menschen für Pflegeberufe begeistern können. Denn nur mit genügend Personal kann gewährleistet werden, dass jeder Mensch im Notfall ausreichend betreut und gepflegt wird und dass jeder die Chance auf einen glücklichen Lebensabend bekommt. Denn ohne die nötige Pflege ist jeder im Alter auf sich allein gestellt.

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