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  7. Claas, Gerry Weber, SAP, Ritter Sport, Metro, teilweise Miele: Nicht alle Firmen beteiligen sich am Exodus aus Russland

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Ostausschuss-Vorsitzende Claas-Mühlhäuser (Harsewinkel): Langjährige Geschäftsbeziehungen gibt man nicht einfach auf

Nicht alle Firmen beteiligen sich am Exodus aus Russland

Bielefeld/Harsewinkel

An diesem Freitag ist es 100 Tage her, dass Putin den Angriff auf das Nachbarland Ukraine begonnen hat. Zahlreiche deutsche Firmen sind weiter in Russland aktiv - trotz öffentlicher Schelte.

Von dpa, Oliver Horst und Bernhard Hertlein

Claas-Mähdrescher an der Laderampe des Werks im russischen Krasnodar. Foto: Bernhard Hertlein

Der Krieg trifft auch deutsche Unternehmen. Ob Sanktionen, steigende Preise, Probleme in der Lieferkette, Materialknappheit - die Liste der Auswirkungen ist lang. Hinzu kommt der öffentliche Druck auf jene Firmen, die noch in Russland aktiv sind und damit in den Augen von Kritikern den Krieg unterstützen. Das Thema ist heikel.
Nicht alle Firmen wollen sich äußern.

Für Aufmerksamkeit sorgte die Liste eines Wirtschaftswissenschaftlers der Yale-Universität, in der die Tätigkeiten von in Russland aktiven Unternehmen eingestuft wird. In diversen Medien wurde sie als „Liste der Schande“ bezeichnet. Auch etliche deutsche Unternehmen sind auf ihr zu finden – auch einige aus Ostwestfalen-Lippe.

Zwar ziehen sich viele deutsche Firmen komplett aus Russland zurück. So kündigte etwa Siemens an, das Land nach 170 Jahren komplett zu verlassen. Der Bielefelder Nahrungsmittelhersteller Oetker-Konzern hat seine Aktivitäten bereits abgestoßen und an das örtliche Management verkauft. Einige Firmen haben sich mit den Verkäufen auch vor einer möglichen Enteignung und russische Mitarbeiter vor einer Strafverfolgung geschützt, in den Verträgen aber eine Rückkaufoption vereinbart, sagen Insider.

Cathrina Claas-Muehlhaeuser 2016 am Rande des Petersburger Wirtschaftsdialogs bei einem Termin mit Russlands Präsident Wladimir Putin. Foto: imago stock&people

„Viele haben die Produktion heruntergefahren und prüfen jetzt, ob und wie sie Russland verlassen können“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Cathrina Claas-Mühlhäuser. Sie sprach von einem „Exodus“. Claas-Mühlhäuser hält die meisten Geschäftsanteile am Landmaschinen-Hersteller Claas in Harsewinkel und ist Vorsitzende des Gesellschafterausschusses. Claas hat sein aktuell stillgelegtes Werk in Krasnodar 2005 eröffnet und 2016 sogar den Status "Russisches Unternehmen" erhalten.

Cathrina Claas-Mühlhäuser

Und manche Firmen bleiben. Der Ost-Ausschuss lehne es ab, Wirtschaftskontakte mit Russland, die im Rahmen der Sanktionsregelungen zulässig seien, pauschal zu verurteilen, sagte Claas-Mühlhäuser. „Jahrzehntelang aufgebaute Wirtschaftsbeziehungen können nicht über Nacht beendet und Verträge einfach gebrochen werden“.

Firmengebäude von SAP in Walldorf. Foto: Uwe Anspach/dpa

So argumentiert auch der Softwarekonzern SAP aus Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis). Dieser habe schnell den Verkauf von Produkten und Lösungen in Russland eingestellt und auch einen geordneten Rückzug aus Russland angekündigt. Doch im Rahmen bereits geschlossener Verträge komme SAP weiterhin seinen Verpflichtungen gegenüber nicht-sanktionierten Kunden nach, teilte ein Sprecher mit.

SAP verstehe, dass es unterschiedliche Meinungen zu ihren Entscheidungen gebe. Auch jene, die mehr von SAP einforderten. „Da unsere Produkte und Lösungen den Kunden gehören und auf ihren Systemen laufen, gibt es keinen magischen roten Knopf, mit dem wir unsere Software in Russland umgehend abschalten können“, so der Sprecher. Das habe nicht jedem gefallen.

Ritter Sport will weiter Schokolade nach Russland liefern. Foto: picture alliance / Marijan Murat/dpa

Für den Schokoladenhersteller Ritter Sport aus dem schwäbischen Waldenbuch (Kreis Böblingen) ist Russland ein wichtiger Markt. Über 10 Prozent des Umsatzes mache das Geschäft in Russland aus, teilte ein Sprecher mit. Ritter Sport beliefere den russischen Markt vorerst weiter, „da ein kompletter Stopp unserer Lieferungen nach Russland sehr ernsthafte Auswirkungen auf uns als unabhängiges, mittelständisches Familienunternehmen insgesamt hätte“. Ritter Sport befinde sich in einem Dilemma. Da das Unternehmen sämtliche Marketingaktivitäten in Russland gestoppt habe, werde sich das bei einem Impulsprodukt wie Schokolade auf den Absatz auswirken.

Auf der "Liste der Schande" der Uni Yale findet sich auch Storck. Ein Sprecher des Haller Süßwarenherstellers bezeichnet die Einordnung, der zufolge Storck sein Russland-Geschäft unverändert fortführe,  als „falsch“, will jedoch mit Bezug auf behördliche Sicherheitshinweise „vorerst nicht öffentlich konkreter Stellung nehmen“.

Viele Unternehmen begründen ihren Verbleib in Russland mit der Verantwortung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Kundinnen und Kunden. So hieß es vom Großhandelskonzern Metro, der nach Firmenangaben 93 Märkte in Russland betreut und dort zuletzt etwa zehn Prozent seines Umsatzes erwirtschaftete, man habe „Verantwortung für die 10 000 Kolleginnen und Kollegen“ vor Ort. Zudem bezögen viele Kunden bei Metro ihre Lebensmittel.

Gerry-Weber-Firmenzentrale in Halle. Foto: Stefan Küppers

Der Modehändler Gerry Weber machte in Russland und in der Ukraine zuletzt sechs Prozent seines Jahresumsatzes. „Das ist für uns ein wichtiger Markt“, sagt die Vorstandssprecherin Angelika Schindler-Odenhaus. Eigene Läden hat Gerry Weber nicht, beliefert werden aber Franchise-Shops sowie Kaufhäuser und Boutiquen. Insgesamt sind es 205 „Point of Sales“ in Russland und 18 in der Ukraine.

Die ostwestfälische Firma hat ein Insolvenzverfahren hinter sich und rechnet dieses Jahr wegen des abflauenden Konsumklimas mit einem Verlust. Man könne nicht sagen, „wir können drauf verzichten“, sagt Schindler-Obenhaus. Man habe die Eigentümerstruktur der Handelspartner geprüft und festgestellt, „dass da weder Oligarchen noch Großkonglomerate von uns beliefert werden, sondern hauptsächlich Familien- und Mittelstandsunternehmen“. Diese wolle man „nicht im Stich lassen“, sagte die Managerin.

Viele Firmen begründen ihren Verbleib in Russland mit Verantwortung gegenüber Kunden sowie Mitarbeitern – vor Ort, aber auch zum Schutz von Jobs in Deutschland. Insofern mute manche auf den ersten Blick nachvollziehbare moralische Forderung eines Rückzugs aus Russland auf den zweiten Blick als moralische Überheblichkeit an, sagt der Sprecher einer Firma, der aber namentlich nicht genannt werden will. Auch die Politik handele nicht stringent, sondern interessengeleitet. Das zeigten auch die gegensätzlichen deutschen Positionen bei einem Ölembargo einerseits und einem Gasembargo andererseits.

Der Agrar- und Pharmakonzern Bayer sprach von einer ethischen Verpflichtung, wonach er der Zivilbevölkerung wesentliche Gesundheits- und Landwirtschaftsprodukte nicht vorenthalten könne. Dies würde die Zahl an Menschenleben, die der Krieg fordere, nur vervielfachen.

Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen in Russland

Mit der Gefahr einer Zwangsverstaatlichung und harten strafrechtlichen Konsequenzen im Falle einer Schließung für das lokale Management argumentierte die Sprecherin der Handelskette Globus, die nach Firmenangaben rund 20 Prozent ihres Umsatzes in Russland erwirtschaftet. Der Autozulieferer Continental teilte mit, die Produktion von Pkw-Reifen für den lokalen Markt in seinem Reifenwerk in Kaluga temporär wieder aufgenommen zu haben, um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einer Strafverfolgung zu schützen.

Miele liefert nur noch medizinische Geräte

Der Gütersloher Hausgeräteproduzent Miele hat laut einem Sprecher die Lieferungen nach Russland mit Ausnahme von Produkten für die medizinische Versorgung eingestellt. Bei Miele denkt man offenbar schon an weitere Diskussionen in der Zukunft. Die Kritik an den deutschen Unternehmen sei eine Diskussion, „die nicht zuletzt auch die grundsätzliche Frage nach dem künftigen Umgang mit Absatzmärkten aufwirft, die mit Krieg, Unterdrückung oder anderen Verletzungen von Menschenrechten in Verbindung gebracht werden“.

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