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Hemdenhersteller Gerd Oliver Seidensticker über die aktuelle Lage, Dresscodes und Lieferkettengesetz

„Unsere Liquidität ist gesichert“

Bielefeld (WB)

Keine Probleme mit dem Lieferkettengesetz hat das Bielefelder Familienunternehmen Seidensticker.

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Bielefelder Hemden- und Blusenhersteller Gerd Oliver Seidensticker Foto: Jens van Zoest

Dafür drückt die Corona-Krise auch beim Hemden- und Blusenhersteller den Umsatz, sagt Gerd Oliver Seidensticker im Interview mit Bernhard Hertlein.

Wie geht es dem Unternehmen Seidensticker aktuell?

Gerd Oliver Seidensticker: Nicht gut – wie der gesamten Branche. Seit dem ersten Lockdown, also in insgesamt zwölf Monaten, hat die Modebranche 17 Prozent ihres Vorjahresumsatzes eingebüßt. Uns geht es genauso. Allerdings ist unsere Liquidität gesichert. Aber noch einmal zwölf solche Monate würden auch wir nicht durchstehen. Gleichzeitig haben wir die Zeit aber genutzt, um Projekte schneller umzusetzen, die ohnehin geplant waren.

Etwa den Onlineverkauf?

Seidensticker: Ja, das stand auf der Tagesordnung. In der Pandemie haben sicher mehr Menschen den Einkauf im Internet ausprobiert und gesehen, wie einfach es ist und welche Vorteile E-Commerce haben kann. Der Onlineanteil wird sicher noch steigen, von derzeit 20 vielleicht sogar auf 35 bis 45 Prozent. Das heißt aber gleichzeitig, dass die Mehrzahl der Verbraucher weiter den Einkauf in der City bevorzugt. Das bestätigen auch aktuelle Studien.

Seidensticker, 1919 gegründet, erzielte vor Corona einen Jahresumsatz von etwa 180 Millionen Euro. Foto: Oliver Schwabe

Glauben Sie, dass sich durch die Pandemie die Sicht der Verbraucher speziell auch auf Hemd und Bluse verändert hat?

Seidensticker: Die Bereitschaft, sich für den Arbeitsplatz zu verkleiden, ging schon vorher zurück. Wenn Menschen meiner Generation vor Jahren öffentlich ohne Anzug und Krawatte auftraten, sind sie schräg angesehen worden. Heute werden schon beinahe diejenigen schräg angesehen, die sich formell kleiden. Sagen wir so: Man kleidet sich nur noch formell, wenn man sich darin wohlfühlt und das auch möchte – es ist kein Zwang mehr. Dresscodes brechen immer weiter auf. Diesem Trend entgegen kommt die gerade stattfindende Casualisierungswelle, die wir auch in unserer Kollektion aufgreifen. Daneben wird das Business aber nach wie vor Relevanz haben.

Sprechen Sie im Unternehmen noch über Kragenformen und Trendfarben?

Seidensticker: Das hörte, abgesehen vielleicht von den allerersten Pandemie-Wochen, nie auf. Wir müssen kreativ sein, damit Mode wieder zum Thema wird. Verordnete Langeweile wäre der Tod unserer Branche.

Nach dem Verlust der Camel-active-Lizenz und nun der Aufgabe von Jacques Britt sowie anderer Marken und Lizenzen vorher ist Seidensticker als Marke auf sich allein gestellt. Gibt es da überhaupt noch Wachstumspotenzial?

Seidensticker: Als mein Cousin Frank und ich vor 17 Jahren das Familienunternehmen übernahmen, gab es einen Wust von Labels und Lizenzprodukten. Nach und nach wurde das abgebaut. Gleichzeitig hat die Marke Seidensticker nicht nur an Profil, sondern auch an Umsatz stramm zugelegt – zuletzt neun Jahre ununterbrochen. Die Handelsmarken, also das sogenannte Privat-Label-Geschäft, wuchs ebenfalls und hat inzwischen einen Anteil von 50 Prozent. Dieser Anteil ist in der Pandemie – wenn der für die Stammmarke wichtige Fachhandel durch den Lockdown zwangsläufig geschlossen ist – bislang eine wichtige Stütze.

Aus der Wirtschaft kommt Zustimmung und Kritik am Lieferketten-Gesetz, wie es jetzt geplant ist. Kennen Sie alle Lieferanten?

Seidensticker: Was die direkte Produktion betrifft, zu 100 Prozent. 60 Prozent des Umsatzes erzielen wir ohnehin in eigenen Fabriken in Vietnam, Indonesien und Bangladesch. Alle First-Tier-Lieferanten, also die Produzenten, sind ausnahmslos zertifiziert und / oder auditiert sowie kontrolliert – sowohl von eigenen Mitarbeitern als auch von unabhängigen Organisationen und Initiativen. Bei den Lieferanten der zweiten Reihe, also vor allem Webereien, sind wir auf gutem Weg. Das gilt auch für Third Tier, die dritte Reihe, etwa die Baumwollproduktion. Doch je weiter weg Lieferanten in der Herstellungskette sind, desto schwieriger ist für uns als mittelständisches Unternehmen die Diskussion, da uns aufgrund der Distanz zum Lieferanten und als Mittelstand das Einflussvermögen fehlt. Aber wir erreichen große Fortschritte. Bis 2023 wollen wir im Kernmarkenbereich alle Ziele im Bereich Corporate Social Responsibility umsetzen. Auch die Private-Label-Kunden stellen steigende Nachhaltigkeitsanforderungen an uns als Hersteller. Und da müssen und möchten wir vorangehen.

Das heißt, Sie haben mit dem Lieferketten-Gesetz kein Problem?

Seidensticker: Den Großteil der Anforderungen erfüllen wir bereits. Die Verbraucher erhalten mehr Sicherheit. Doch hätten wir uns aus Wettbewerbsgründen gewünscht, dass das Gesetz europaweit Geltung hätte.

Der „Grüne Knopf“ ist ein staatliches Textilsiegel Foto: Britta Pedersen

Seidensticker wirkt beim Textilbündnis mit, steht aber beim „Grünen Knopf“ seit dessen Einführung abseits. Warum?

Seidensticker: Weil wir nicht bei etwas mitmachen, dessen Anforderungen wir schon längst übererfüllen.

Beispiel?

Seidensticker: Der „Grüne Knopf“ umfasst in seiner aktuellen Form nicht die gesamte Lieferkette und berücksichtigt derzeit nur die Konfektion sowie Färbe- und Ausrüstungsprozesse. Selbst im Sozialbereich schreibt er zum Beispiel keine existenzsichernden Löhne vor – eine Forderung, die wir nicht nur in den eigenen Fabriken, sondern auch bei den Lieferanten zur Bedingung machen.

Und die eigene Nachhaltigkeitsstrategie?

Seidensticker: Neuerdings lancieren wir das Nachhaltigkeitssiegel „together responsible“ – es ist aus meiner Sicht das anspruchsvollste Nachhaltigkeits-Siegel aller Hemdenhersteller. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Mitarbeitern und Ressourcen ist bei Seidensticker jedoch schon von Beginn an eine gelebte Selbstverständlichkeit. Als inhabergeführtes Unternehmen legten wir schon immer einen Fokus auf gute soziale und ökologische Bedingungen. Unsere ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie hat nun zum Beispiel das Ziel, bis 2023 die kompletten Kollektionen auf nachhaltige oder Bio-Baumwolle umzustellen. Damit wird sowohl der Wasserverbrauch als auch der Einsatz von Herbiziden im Baumwollanbau enorm reduziert.

Gerd Oliver und Frank-Walter Seidensticker sind geschäftsführende Gesellschafter des Bielefelder Familienunternehmens. Foto: Oliver Schwabe

Und am Ende der Nutzung? In Deutschland gibt es einen Trend: „Old is cool.“ Nun wird Seidensticker wohl kaum eine Second-Hand-Sparte aufmachen. Aber wie verhält es sich mit dem Recyclinganteil?

Seidensticker: Er ist aktuell noch sehr gering, soll aber bis 2025 auf 30 Prozent steigen. Allerdings gibt es Grenzen. Hemden und Blusen werden anders als Mäntel und Blazer oft gewaschen. Das verkürzt die Fasern, so dass Hemden und Blusen aus Qualitätsgründen nicht unendlich wiederverwertet werden können.

Inwieweit wird Seidensticker der Forderung nach Klimaneutralität gerecht?

Seidensticker: Das ist vor allem eine Forderung an unsere Logistik. Hier legen wir Wert darauf, möglichst keine Ware über Luftfracht einzuführen und nur in absoluten Ausnahmefällen drauf zurückzugreifen. Weil Flugzeuge vier Wochen schneller sind als Schiffe, geht uns dadurch vielleicht mancher Euro an Umsatz verloren. Aber das sind wir dem Ziel des Klimaerhalts schuldig. Von ganz wenigen Notfall-Situationen abgesehen verzichtet Seidensticker komplett auf Flugzeugtransporte.

Dafür verbraucht die Modeindustrie aber noch sehr viel Kunststoff für die Verpackung?

Seidensticker: Wir nicht mehr. Wir verzichten bei der Marke Seidensticker in sämtlichen Verpackungen auf Plastik und verwenden Kartonagen aus Recyclingmaterialien. Der Handel war anfangs skeptisch. Aber nun begrüßt er es.

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