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Alles Wissenswerte rund um das Steuergebaren, die Bezahlung der Mitarbeiter, Marktplatz-Partner und Wettbewerber des großen Onlinehändlers

Was wirklich hinter Amazon steckt

Düsseldorf/Bielef...

In Lockdown-Zeiten steht der Onlinehändler Amazon noch mehr im Fokus denn je: Für die einen ist er wichtiger Geschenkelieferant, für andere der Totengräber des von der Corona-Krise zusätzlich gebeutelten stationären Einzelhandels. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) rief nun sogar zum Verzicht auf Bestellungen bei Online-Riesen auf, die „in Europa keinen Cent Steuern zahlen“.

Oliver Horst 

Pakete in einem Logistikzentrum des Onlinehändlers Amazon. 2020 könnte der Marktführer in Deutschland die Marke von einer Milliarde Sendungen knacken. Foto: dpa

Weitere Unionspolitiker fordern eine Paketabgabe zur Stützung der Innenstadtläden. Angriffe, die vor allem auf Amazon zielen. Doch wie tickt der mächtige US-Konzern wirklich? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Zahlt Amazon in Deutschland Steuern – oder nicht?

Der Konzern beteuert, in Deutschland Steuern zu zahlen. „Amazon zahlt alle anwendbaren Steuern in allen Ländern, in denen wir agieren“, teilt ein Sprecher auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage mit. Doch das Steuergebaren des Online-Riesen ist undurchsichtig.

Bis Frühjahr 2015 wurden die Einzelhandelsumsätze im Europa-Geschäft zentral bei der im Steuerparadies Luxemburg ansässigen Gesellschaft Amazon EU Sàrl verbucht. Die EU-Kommission leitete im Herbst 2014 ein Verfahren ein und kam 2017 zur Einschätzung, dass Steuerdeals mit den luxemburgischen Behörden illegal gewesen seien und Amazon 250 Millionen Euro nachzahlen müsse. Dagegen klagt sowohl Amazon als auch der luxemburgische Staat. Seit Mai 2015 werden die Erlöse in Deutschland, Großbritannien, Spanien und Italien über jeweilige Länderniederlassungen – Gesellschaften nach luxemburgischen Recht – erfasst, in Frankreich seit August 2015, teilt Amazon mit.

Wie viel zahlt Amazon denn dann hierzulande?

Mit konkreten, transparenten Angaben zur Steuerlast tut sich Amazon schwer. Der Konzern verweist stattdessen auf andere Zahlen, um von Milliardensummen zu sprechen. Amazon habe im Jahr 2019 in Deutschland insgesamt 19,9 Milliarden Euro umgesetzt. An Steuern und Abgaben habe der Konzern 1,6 Milliarden Euro gezahlt. Allerdings fasst Amazon dabei den Begriff Steuern sehr weit. Rund 1,4 Milliarden entfallen demnach auf die Abführung von Mehrwertsteuer – letztlich das Durchreichen staatlich erhobener Abgaben beim Verkauf an Endkunden. Auch die von Amazon-Mitarbeitern aufgrund ihrer Tätigkeit für den Konzern gezahlten Steuern und Abgaben sind in der genannten Summe enthalten.

Als direkt auf Amazon entfallende Zahlungen an den Staat nennt das Unternehmen für 2019 den Betrag von 261 Millionen Euro. Aber auch hier geht der „größte Anteil“ auf Abgaben für das Personal zurück – vor allem der Arbeitgeberanteil zu Sozialversicherungen wie Renten-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung. Ebenfalls enthalten in der Summe seien Einfuhrzölle. Konkrete Zahlen zu den gewinnabhängigen Steuerarten – Körperschaft- und Gewerbesteuer sowie Solidaritätszuschlag – will Amazon nicht nennen. Aus Städten, in denen der Konzern Standorte betreibt, heißt es, dass das Unternehmen dort jährlich Gewerbesteuer in fünf- oder sechsstelliger Höhe zahle.

Warum gibt Amazon keine konkreten Zahlen zu Gewinnsteuern preis?

Der Konzern begründet dies damit, dass die Zahlen „nicht sehr aussagekräftig“ seien. Sie dürften – gemessen am Umsatz von fast 20 Milliarden Euro – derzeit äußerst gering sein. Das hat durchaus Gründe – Steuersparmodelle und auch hohe, gewinnmindernde Investitionen zum Ausbau der Marktstellung hierzulande. So hat Amazon nach eigenen Angaben seit 2010 allein in Deutschland mehr als 28 Milliarden Euro investiert.

„Amazon wächst und erzielt hohe Umsätze. Dennoch bleiben die operativen Gewinne relativ gering“, erklärt das Unternehmen. Dies liege „am Preisdruck in einem wettbewerbsintensiven Markt, permanenten Investitionen und steigenden Betriebskosten, die auch auf eine wachsende Belegschaft zurückzuführen sind“.

Wie in anderen Ländern gebe auch das deutsche Steuersystem Anreize, „um Unternehmen zu Investitionen zu ermutigen“. Dadurch könnten die Gewinnsteuern kurzfristig sinken, das gleiche sich „aber durch langfristig höhere Steuereinnahmen und geringere Kosten für die Regierung in anderen Bereichen mehr als aus“, erklärt Amazon.

Was sagen Kritiker und Experten zum Steuergebaren des Konzerns?

Kritiker erwidern, dass der Konzern seine Gewinne kleinrechne – etwa durch hohe Lizenzzahlungen an Konzernfirmen in Steuerparadiesen. Dazu passt, dass Amazon im gesamten europäischen Handelsgeschäft für 2019 bei 32,2 Milliarden Euro Umsatz einen Vorsteuerverlust von 983 Millionen ausweist. Der Bilanz zufolge erhielt Amazon eine Steuergutschrift von 294 Millionen Euro. Die Amazon EU Sàrl überwies derweil fast 166 Millionen Euro an Lizenzgebühren.

Experten wie der Kölner Steuerberater und Steuerrechtler an der Hochschule FOM Bonn, Prof. Dr. Christoph Juhn, bezeichnen das Steuersparmodell über Lizenzgebühren als gängige und auch legale Praxis. Es werde von vielen US-Techkonzernen genutzt, deren Werte vor allem in Patenten und Marken bestehen.

Mit Blick auf moralische Aspekte stellt Juhn klar: „Jeder Vorstand, jeder Geschäftsführer hat eine gewisse Treuepflicht gegenüber seinen Aktionären und der Gesellschaft. Damit hat er juristisch grundsätzlich die Pflicht, Sparmöglichkeiten auszuschöpfen. Andernfalls macht er sich schadenersatzpflichtig.“ Ein Grund für ein anderes Handeln könnte aber ein dieser Pflicht gegenüber abzuwägendes Interesse wie etwa das Markenimage sein.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenar­beit und Entwicklung (OECD) arbeitet derweil an einer Reform, um das Verschieben von Gewinnen in Steueroasen zu verhindern und eine Mindestbesteuerung sicherzustellen.

Druck direkt auf Amazon-Gründer und Konzernchef Jeff Bezos üben jetzt auch 401 Abgeordnete und Amtsträger aus 34 Staaten aus, darunter alleine 30 Parlamentarier aus Deutschland. In einem offenen Brief fordern sie Bezos auf, angemessene Steuern und Gehälter zu bezahlen.

Wie stellt sich der Wettbewerb für Amazon in Deutschland dar?

Die Amazon-Plattform mit fast 50 Prozent Marktanteil hat bezüglich der gesamten Sortimentsbreite nur wenige vergleichbar aufgestellte Konkurrenten im deutschen Onlinehandel: in erster Linie sind das die Verkaufsplattform Ebay, aber auch die Marktplätze von Real.de und vor allem der in Hamburg beheimateten Otto Group. Der Versandhandelskonzern setzte im Geschäftsjahr 2019/20 weltweit 14,3 Milliarden Euro um und zahlte 70 Millionen Euro an Gewinnsteuern.

Auf einzelne Fachsortimente bezogen, ist die Konkurrenz für Amazon größer – allen voran im Bereich Mode mit Anbietern wie Zalando, Breuninger, Engelhorn, H&M oder Aboutyou (Otto), die inzwischen auch auf einen für weitere Anbieter geöffneten Marktplatz setzen. Das gilt ebenso für Handelsketten wie Galeria-Kaufhof, Media-Saturn oder Douglas. Gerade in der Corona-Krise haben zunehmend kleine stationäre Händler diese Möglichkeit als schnellen Weg in den Onlinehandel entdeckt.

Welcher Anteil der Geschäfte auf Amazon.de entfällt direkt auf den Konzern und welcher auf eigenständige Händler?

Die Antwort zeigt, dass Amazon tatsächlich ein großer Marktplatz ist. „Während der Corona-Krise haben kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland ihr Online-Geschäft stark ausgebaut“, erklärt Amazon. Damit leiste das Unternehmen gerade auch im Lockdown vielen Händlern Unterstützung und den Zugang zum Kunden. Amazon spricht allein in Deutschland von „zehntausenden Anbietern“, die ihre Produkte online über den Amazon-Marktplatz verkaufen. Auf unabhängige Verkaufspartner seien in der ersten Corona-Welle von März bis Mai rund zwei Drittel (65,1 Prozent) des über Amazon.de generierten Umsatzes entfallen. Im Jahresdurchschnitt 2019 habe dieser Wert noch bei 61 Prozent gelegen. Auch weltweit sei der Umsatzanteil externer Händler mit 58 Prozent im Jahr 2018 höher gewesen als der von Amazon direkt. Europaweit arbeite der Konzern mit mehr als 900.000 Partnern und Dienstleistern.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Amazon in Deutschland?

Amazon spricht von mehr als 20.000 Festangestellten hierzulande, allein in der Logistik gebe es rund 16.000 feste Arbeitsplätze. „Hinzu kommen dieses Jahr auch 10.000 Saisonkräfte, die uns unterstützen“, sagt der Amazon-Sprecher.

Wie bezahlt Amazon seine Mitarbeiter?

Beschäftigte erhalten dem Konzernsprecher zufolge als Einstiegsbasislohn je nach Standort umgerechnet zwischen 11,30 Euro und 12,70 Euro brutto pro Stunde. Zum Vergleich: Der gesetzliche Mindestlohn steigt zum Jahreswechsel von 9,35 auf 9,50 Euro. In den Logistikbereichen erfolgten zudem nach zwölf und 24 Monaten automatisch Lohnerhöhungen. „Nach 24 Monaten beläuft sich das Gesamtvergütungspaket auf durchschnittlich rund 2600 Euro brutto pro Monat“, erklärt der Sprecher. In der Summe seien Mitarbeiteraktien und Boni enthalten.

Zudem gebe es Zusatzleistungen wie Überstundenzuschläge, eine Lebens- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung, Beiträge zur betrieblichen Altersvorsorge sowie die Übernahme von bis zu 95 Prozent der Weiterbildungskosten bis zu einer Obergrenze von 8000 Euro pro Mitarbeiter.

Die Gewerkschaft Verdi fordert indes seit Jahren immer wieder mit Streiks, den Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel anzuwenden. Amazon orientiert sich indes am Tarifwerk der Logistikbranche.

Was sagen Kritiker über die Arbeitsbedingungen?

Kritiker wie die Gewerkschaft Verdi beklagen einen extrem hohen Arbeitsdruck für die Logistik-Mitarbeiter des Konzerns. Vor allem auch von ständiger Überwachung ist die Rede. Die niedersächsische Landesbeauftragte für den Datenschutz hat nun im Logistikzentrum Winsen Funktionen einer Software beanstandet, die eine ständige Leistungskontrolle der Mitarbeiter ermögliche. Amazon solle untersagt werden, „ununterbrochen jeweils aktuelle und minutengenaue Quantitäts- und Qualitätsleistungsdaten ihrer Beschäftigten zu erheben und diese zu nutzen“, heißt es. Das Computerprogramm wird dem Vernehmen nach an allen deutschen Standorten eingesetzt.

Der Konzern weist die Vorwürfe zurück. „Wie jeder Logistiker messen auch wir unsere Leistung und stellen die Qualität sicher, die Kunden von uns erwarten. Nach unserer Einschätzung sind diese Systeme im Einklang mit den Verordnungen und Gesetzen in Deutschland und in der EU“, sagt der Amazon-Sprecher. Die Behörde habe die Nutzung mit ihrem Bescheid nicht eingeschränkt. Amazon strebe gleichwohl eine gerichtliche Überprüfung an.

Wie sehen die Aktivitäten von Amazon in OWL aus?

Amazon betreibt bundesweit 15 große Logistikzen­tren, darunter ist seit Juli 2020 der Standort im interregionalen Gewerbegebiet Aurea der Städte Oelde, Rheda-Wiedenbrück und Herzebrock-Clarholz direkt an der A2. Dort hat Amazon selbst mehr als 100 Milli

onen Euro investiert und beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter. In OWL betreibt der Konzern seit Herbst zudem zwei Verteilzentren in Paderborn (120 Mitarbeiter) und Bielefeld (70 Beschäftigte). Geplant ist darüber hinaus ein weiteres Logistikzentrum in Horn-Bad Meinberg (Kreis Lippe) mit mehr als 1100 Mitarbeitern.

Zahlen und Fakten

Amazon wurde 1994 vom Informatiker Jeff Bezos (56) in seiner Garage in Seattle als Online-Buchhandlung gegründet. Den Namen leitete Bezos vom Amazonas ab, dem längsten Fluss der Welt. Im Juli 1995 lieferte das Unternehmen erstmals ein Buch aus, im zweiten Monat lag der wöchentliche Umsatz bereits bei mehr als 20.000 US-Dollar. 1996 setzte Amazon 15,7 Millionen Dollar um, 1997 ging der Konzern an die Börse. 1998 folgte die Expansion ins Ausland. Amazon übernahm in Deutschland den Anbieter Telebuch.de, die Internetseite wurde zum 15. Oktober in amazon.de umbenannt. 1999 eröffnet der Konzern in Bad Hersfeld sein erstes Logistikzentrum in Deutschland. In den Folgejahren baute Amazon sein Sortiment stetig aus. Seit 2002 können auch externe Händler Waren über den Marktplatz von Amazon verkaufen. 2007 wurde die Gratislieferung bis zum nächsten Tag eingeführt. Weltweit hat Amazon heute mehr als 300 Millionen aktive Kunden. 2019 setzte der Konzern rund 280 Milliarden Dollar (230 Milliarden Euro) um, er beschäftigt gut 840.000 Mitarbeiter. Neben dem Handel sind Datendienste ein wichtiges Standbein. Jeff Bezos gilt heute mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 150 Milliarden Euro als reichster Mann der Welt.

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