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Paralympics

Boll, Chinesen und Glasknochen besiegt: Baus leidet nicht

Tokio (dpa)

Valentin Baus leidet an der Glasknochenkrankheit. Nein, falsch. Er leidet nicht an der Krankheit. Er hat sie. Das stellt der Tischtennisspieler nach seinem Paralympics-Gold in Tokio live im TV klar. Sportlich beeindruckt er auch Timo Boll.

Von Holger Schmidt, dpa

Holte Paralympics-Gold in Tokio: Valentin Baus. Foto: Marcus Brandt/dpa

In Tokio wurde Valentin Baus schon zweimal ausgiebig gefeiert. Nach seinem Sieg in einem Tischtennis-Krimi im Einzelfinale folgte auch im TV-Studio ein entscheidender Satz.

«Ich leide nicht an der Glasknochenkrankheit. Ich habe sie», sagte der 25-Jährige freundlich, aber bestimmt. Woraufhin er von Kollegen und in den sozialen Medien von vielen Behinderten bejubelt wurde. «Ich habe gehört, dass das viral gegangen ist», sagt der 25-Jährige im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur: «Aber ich versuche, das immer klarzustellen, ohne unverschämt zu sein.»

Mit 13 schon über 20 Knochenbrüche

Ob er auch 2008 gesagt hätte, dass er nicht an Osteogenesis imperfecta «leide», kann Baus nicht beantworten. Damals, mit 13, hatte er schon über 20 Knochenbrüche. Fast jeder Knochen im Körper war schon mal betroffen. «Das Schlüsselbein war durch, der Arm, sehr oft die Oberschenkel», erzählt Baus: «Einmal lag ich drei Monate mit einem Beckengips im Bett und konnte mich nicht mehr bewegen.»

Seit 2008 - und damit genau seitdem er im Rollstuhl sitzt - kam kein Bruch mehr dazu. «Kein einziger», betont Baus: «Seit ich meine Beine im Rollstuhl weniger belaste, sind die Gefahren geringer. Die Pubertät, in der die Knochen im Wachstum sind und leichter brechen, ist vorbei. Und vielleicht liegt es auch daran, dass ich sportlicher geworden bin. Muskeln schützen Knochen.»

«Keine unnötigen Risiken»

Im Moment gehe er «keine unnötigen Risiken ein. Aber ich mache mir nicht den ganzen Tag Gedanken.» Und er klagt nicht. «Ich bin nicht glücklich, dass ich eine Behinderung habe. Jeder, der eine hat, denkt auch mal, wie es wäre, wenn er sie nicht hätte», sagt Baus: «Aber man muss sich so akzeptieren, wie man ist, um mit sich selbst im Reinen zu sein.» Er weiß freilich, dass es irgendwann wieder schwerer werden könnte. «Ich habe jetzt noch ein paar Jahre, in denen es gut ist», sagt er: «Bis die Knochendichte irgendwann wieder abnimmt.»

Doch Baus hat die Krankheit im Griff. Körperlich und auch mental. Im Kopf sei er ohnehin sehr stark, sagt Bundestrainer Volker Ziegler: «Er braucht keinen Mentaltrainer. Er braucht einfach nur Spaß.» Am Anfang sei der gebürtige Bochumer «ein talentiertes Feierbiest» gewesen. Nun sei seine Entwicklung «phänomenal.» Ziegler habe ihm «sehr oft in den Arsch getreten», sagt Baus lachend: «Aber inzwischen wäge ich ab. Wie sehr möchte ich etwas und was bin ich bereit, dafür zu opfern oder zu investieren. Ich wollte dieses Gold in Tokio. Der Preis war mir egal.» Er holte Gold, der Verband taufte ihn «King Pong».

Im Team überaus beliebt

Im Team ist Baus überaus beliebt. Thomas Schmidberger erklärt, er habe nach Baus' Finalsieg «geheult wie ein Schlosshund. Er ist mein bester Freund, auch außerhalb der Platte.» Am Donnerstag stehen Schmidberger und Thomas Brüchle im Teamfinale. Baus startet im Mannschaftswettbewerb nicht, weil sich der Teamkollege aus seiner Klasse nicht qualifiziert hat. Doch schon jetzt hat er seinen Anteil auch an diesem Erfolg. Er sei «der beste aller Sparringspartner», sagt Brüchle: «Und vor allem ist er die gute Seele des Teams.» Wenn es sein müsse, sammele er eben Bälle ein, versichert Baus. «Ich bin mir für nichts zu schade.» Auch nicht als Paralympicssieger.

Auch Rekord-Europameister Timo Boll schätzt den Vereinskollegen bei Borussia Düsseldorf als Menschen wie als Sportler. Wie der Olympia-Dritte Dimitrij Ovtcharov schickte er Baus eine Glückwunschnachricht nach Japan. «Wir sind beide Kaffee-Nerds», sagt Baus lachend. Im Februar setzte Boll sich in einen Rollstuhl und spielte gegen Baus. Er verlor beide Sätze. «Ich hatte keine Chance», sagt Boll: «Es ist verrückt, wie gut er spielt.»

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