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Tanzen

Breakdance bei Olympia in Paris sorgt auch für Kritik

Berlin/Paris (dpa)

Breakdance hat sich von einer Straßen-Tanzform zu einer offiziell anerkannten Sportart entwickelt. 2024 soll es sogar als erste Tanzsportart bei Olympia in Paris dabei sein. Die Szene übt auch Kritik.

Von Oliwia Nowakowska, dpa

Breakdance war 2018 schon Teil der Jugendausgabe der Olympiaschen Spiele. Foto: Fabian Ramella/dpa/Archivbild

In der Betonoase, einem Jugendclub in Berlin-Lichtenberg, versammeln sich sechs Männer der Tanzgruppe «Street Beatz» in einem Kreis. Mit ihren weiten Hosen und T-Shirts, Caps und Stirnbändern sehen sie fast so aus wie die typischen Protagonisten aus bekannten US-Tanzfilmen.

Zu Funk und anderen HipHop-Beats, die durch eine Boom-Box so groß wie ein Grundschulkind dröhnen, präsentieren sie ihre «Moves». Es sind einarmige Handstände, Drehungen auf dem Kopf oder Unterkörper, aber auch Tanzschritte im Rhythmus der Musik. Diese Tanzform nennt sich Breakdance oder wie sie korrigieren «Breaking».

Die Tanzform ist auf Beton gewachsen. Statt in Vereinen organisieren sich die Tänzer eher in inoffiziellen Gruppen wie «Street Beatz». Für die meisten Sportarten, die vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannt sind, ist das eher ungewöhnlich. Trotzdem soll Breaking als erste Tanzsportart bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris dabei sein.

Von der Bronx nach Paris

Breaking ist eine akrobatische Tanzform, die viel Kraft, Körperspannung und Rhythmusgefühl erfordert. Sie entwickelte sich in den 70er Jahren aus der HipHop-Kultur der afroamerikanischen Jugend auf den Straßen der Bronx in New York City heraus. Das heißt B-Boys und B-Girls - wie die Tänzer sich nennen - haben eigentlich mehr mit Rappern, DJs oder Graffiti-Sprühern als mit Tennisspielern, Dressurreitern oder Fechtern zu tun. Warum wird so eine Tanzsportart dann olympisch?

«Ich glaube, das Ziel des IOC ist es, wieder dort hinzugehen, wo Menschen Sport treiben - auf die Straßen», sagt der Präsident des Landestanzsportverbandes Berlin, Thorsten Süfke. Während Menschen in ländlichen Gegenden eher Mitglieder in Fußball- oder Turnvereinen seien, entwickeln sich in Berlin und sonstigen urbanen Räumen andere Sportarten wie Parkour oder Breaking. Nach Süfkes Ansicht müssen diese auch ernst genommen werden, denn die Sportler trainieren genauso hart und verdienen Anerkennung.

Spagat zwischen Kreativität und Reglements

Das bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Mit dem Einzug in den olympischen Wettkampf müssen sich die B-Boys und B-Girls den Anforderungen des IOC beugen. Die Bewertung der Moves muss klar nachvollziehbar und fair sein.

Dabei lebt das Breaken eigentlich von Spontanität und Kreativität. Es ist nicht nur eine Sportart, sondern auch ein Lebensgefühl. Deshalb tun sich viele Anhänger mit strikten Reglements schwer und befürchten, ein Stück Kreativität und Kultur könnte mit der Olympia-Teilnahme verloren gehen. «Man muss jetzt die Lebenskultur des Breakings mit den Anforderungen des organisierten Sports zusammenbringen – das ist ein großer Spagat», sagt Süfke.

Obwohl die meisten B-Boys einen Spagat durchaus hinbekommen, wollen viele diesen aber nicht machen. So auch das jüngste Street Beatz-Mitglied, Carl Ferdinand Beccard: «Ich sehe das kritisch. Bei Olympia gibt es dann wahrscheinlich so was wie eine Liste und die Jury setzt Häkchen, was alles erfüllt werden muss - das nimmt die Kreativität raus», sagt der 18-Jährige.

Zwar kann sein älterer Kollege Jerome «The Metronom» Grenzow diese Argumentation nachvollziehen. Er denkt aber trotzdem nicht, dass die Kultur oder Kreativität unter der Olympia-Teilnahme leiden wird. «Man muss ja irgendwo anfangen, wenn das jetzt auch offiziell eine olympische Sportart werden soll. Wenn ein Wettbewerb stattfindet, muss es auch eine faire Bewertung geben», sagt der 46-jährige Profi-Tänzer.

Auch Marco Greawert, der Gründer von Street Beatz, freut sich über die Entwicklung: «Meiner Ansicht nach ist das super. Es können sich jetzt Leute beweisen, die vorher nur im Untergrund getanzt haben.»

Ob die B-Boys nach den Olympischen Spielen in Paris nicht wieder in den Untergrund zurückkehren, ist fraglich. Denn bisher ist das Breaken nicht für die Spiele 2028 in Los Angeles gesetzt. Der Präsident des Landestanzsportverbandes hofft aber, «dass die Tanzsportart nach 2024 eine dauerhafte Heimat unter dem Dach des IOC haben wird.» Und wer weiß, vielleicht wird Breaking den Weg auch für andere Tanzsportarten ebnen.

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