Jan de Witt – Deutschlands bester Tenniscoach kommt aus OWL

Ein Spion ist sein Vorbild

Halle (WB). Jan de Witt ist gern Jan de Witt. Aber ein Vorbild hat Deutschlands bester Tenniscoach doch: Rudolf Abel, russischer Spion im Film »Bridge of Spies« (Der Unterhändler). »Ich mag ihn wegen seiner Haltung zum Leben«, erklärt der 54-Jährige in Halle.

Hans Peter Tipp

Mit dem Laptop am Centre Court: Für Jan de Witt, den Weltklassetrainer aus Ostwestfalen, ist das die normalste Sache der Welt. Foto: Oliver Schwabe

Gern trägt de Witt deshalb ein T-Shirt mit dem Leitmotto des Filmcharakters: »Would it help?« (Was nützt es?) »Das taugt als Vorbild für meine Spieler«, sagt de Witt: »Wir müssen uns aufregen, wo es sich lohnt. Und da Energie reinstecken, wo es etwas bringt. Aber da, wo es nichts bringt, hilft es nichts, wenn ich verzweifle oder mir 1000 Sorgen mache.« Willkommen in der Welt des besten deutschen Tennistrainers.

»Der Spiegel« hat über de Witt als Daten- und Detailversessenen berichtet. »L’Equipe« hat ihn als »Le Coach 2.0« gefeiert. Alle waren auf der Suche nach dem Erfolgsrezept des Mannes, der im ostwestfälischen Schweicheln-Bermbeck aufgewachsen ist, in Herford Abi gemacht, in Bielefeld Geschichte und Soziologie studiert und danach die Breakpoint Base in Halle mitbegründet hat, seitdem als Profitrainer mit dem Tenniszirkus um die Welt jettet und sich doch im Eigenheim in Bergkirchen (Kreis Minden-Lübbecke) am wohlsten fühlt.

Jan de Witt

Ein gutes Dutzend Asse hat der Ostwestfale in seiner nunmehr 22 Jahre währenden Profitrainerkarriere auf höchstem Niveau betreut. Mit dem Schweizer Marco Chiudinelli fing es an, danach folgte Andrei Pavel seinen Ideen, später Viktor Troicki, Jarkko Nieminen, Gilles Simon, eine Zeit lang auch Gael Monfils und An­drea Petkovic, um nur die Bekanntesten zu nennen.

Seit einem Jahr und jetzt in Halle arbeitet de Witt mit dem Georgier Nikoloz Basilashvili. Auch ihn führte der Ostwestfale in die Top 20, wie die anderen auch. Manche schafften es in die Top 10, Simon und Monfils sogar gleichzeitig. Damit hatte de Witt kein Problem: »Ich arbeite gern, ich arbeite bestimmt auch viel, und ich glaube, dass man als Coach auch häufig Zeit hat, mit zwei Topathleten zu arbeiten. Ob man die Energie hat, muss jeder selbst entscheiden.«

Jan de Witt

Doch was hat de Witt, der öfter noch als mit seinem Lieblings-T-Shirt mit einer Baseball-Cap zu sehen ist, was andere Coaches nicht haben? Der 54-Jährige erklärt es so: »Ja, ich arbeite eine Menge mit Statistiken, und wir sind im Team ziemlich detailliert, was die Videoanalyse angeht. Das stimmt, aber das ist nur eine Facette meiner Arbeit. Es ist alles viel komplexer.« Und zählt weitere, eher weichere Faktoren auf: »Persönlichkeit, Ausstrahlung, Authentizität als Person und damit auch als Coach«. De Witt: »Was nun bei welchem Spieler in welcher Situation der entscheidende Punkt ist, kann ich nicht beantworten. Das kann nur jeder Spieler für sich, und da gibt es ganz bestimmt viele verschiedene Antworten.«

Sein Anspruch ist hoch, extrem hoch: De Witts Vorgabe lautet, jedes technische Problem seines Spielers in 60 Minuten zu lösen. Der Trainer führt aus: »Wenn die Rückhand nicht richtig funktioniert, wird der andere solange dorthin spielen, bis mein Spieler eine Lösung gefunden oder verloren hat. Also ist es meine Aufgabe, das Problem frühzeitig zu erkennen und eine Lösung zu finden. Da wir normalerweise nicht mehr als eine Trainingseinheit haben, muss ich in der Lage sein, ein Bewegungsmuster innerhalb einer Stunde zu korrigieren, dass es wettkampffest ist und er in der Lage ist, es am nächsten Tag vor 10.000 Zuschauern und Millionen TV-Zuschauern zu bringen. Das muss ich können.«

Und noch etwas gehöre als Erfolgscoach dazu – ein ganz schön dickes Fell. De Witt hat es: »Man muss bereit sein, in der Öffentlichkeit wie ein Idiot dazustehen«, sagt er. Would it help? Seinem jeweiligen Schützling ganz bestimmt. Denn der Spion, der de Witt ist, nimmt dem Spieler damit den Druck: »Wenn ich von irgendetwas überzeugt bin, ist es mir egal, wie das nach außen aussieht. Ich stelle mich dann auch vor die Presse und sage, ich habe es vor die Wand gefahren.« Auch das passiert einem Trainer mit Top-20-Garantie. Aber nicht so oft.

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