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Dominic Thiem ist einer für die Zeit nach Djokovic, Federer und Nadal

»Es wird Zeit für eine Wachablösung«

Halle (WB). Der Österreicher Dominic Thiem (25) gilt wie Alexander Zverev (21) als Thronfolger der noch dominierenden Tennisprofis Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer. Mit unserem Redakteur Hans Peter Tipp sprach Thiem aber nicht nur über eine mögliche Wachablösung, sondern auch über den neuen Davis Cup und sein Engagement für Umwelt- und Tierschutz.

Voller Einsatz: Dominic Thiem hat sich in der Weltklasse etabliert. Der Österreicher stand 2018 im French-Open- und im ATP-Finale. Foto: dpa

Das Tennisjahr ist zu Ende, und in der Weltrangliste stehen noch immer die Alten ganz oben. Werden Sie als einer der Jüngeren langsam ungeduldig?

Dominik Thiem: Ich werde nicht ungeduldig. Aber natürlich wird es jetzt Zeit, dass einer von uns endlich mal einen Grand-Slam-Titel holt. Das ist doch ganz klar. Aber Federer, Nadal und Djokovic zählen nicht nur von der Anzahl ihrer Titel her, sondern auch spielerisch definitiv zu den besten Spielern aller Zeiten. Ich empfinde es als Riesenglück für uns Jüngere, sich mit ihnen messen zu können, denn wir werden immer noch spielen, wenn sie nicht mehr dabei sein werden. Trotzdem: Irgendwann muss die Wachablösung her. Ich bin sicher, dass nächstes Jahr oder allerspätestens in zwei Jahren ein anderer als sie ein Grand-Slam-Turnier gewinnt.

Was haben sie, was den Jüngeren noch fehlt?

Thiem: Mir persönlich – ich glaube auch den anderen – fehlt noch diese Konstanz, die Djokovic, Federer und Nadal auszeichnet. Sie besiegen im Viertelfinale einen der anderen Topspieler und dann im Semifinale und im Finale gleich den nächsten. Ich habe zwar jeden von ihnen auch schon geschlagen, aber dann am nächsten oder übernächsten Tag dieses Level nicht konservieren können. Wie 2017 in Paris – erst gegen Djokovic gewonnen und dann gegen Nadal richtig schlecht gespielt.

Apropos Djokovic: Haben Sie ernsthaft mit diesem Comeback gerechnet?

Thiem: Ich habe damit gerechnet, dass er wieder so stark wird. Aber dass es so schnell passiert, hätte ich nicht erwartet. Djokovic hat unseren Sport zwei, drei Jahre lang total dominiert. Dann hat er mit dem Titel bei den French Open sein absolut höchstes Ziel erreicht und ist wahrscheinlich in ein Loch gefallen, wie wohl jeder, der sein ultimatives Ziel erreicht. Wie er danach wieder zurückgekommen ist: Das schaffen nur echte Champions.

Von Djokovic zu Ihnen. Haben auch Sie ein ultimatives Ziel?

Thiem: Ja das habe ich. Einen Grand-Slam-Titel, hundertprozentig. Welcher, das ist mir ganz egal. Aber das ist mein Ziel, seit ich Profi geworden bin.

Wie beurteilen Sie Ihr Jahr, was bleibt von 2018?

Thiem: Es war ein sehr gutes Jahr. Ich habe mein erstes Grand-Slam-Finale gespielt und mich erneut für das ATP-Finale qualifiziert. Dennoch war es für meinen Geschmack ein bisschen zuviel Achterbahnfahrt. Die Grand Slams waren gut, da war ich sehr konstant. Aber bei den Masters habe ich viel zu viele Punkte liegengelassen. Was heraussticht und woran ich mich immer erinnern werde, ist das French-Open-Finale gegen Nadal – leider habe ich es verloren.

Sie sind bei der Wahl zu Österreichs Sportler des Jahres Zweiter geworden. Bedarf es eines Grand-Slam-Sieges, ehe Sie diese Wahl gewinnen bei der Wintersportkonkurrenz?

T hiem: In diesem Jahr schon. Der Marcel Hirscher hat zum ersten Mal Gold bei Olympia geholt. Und er hat zum siebten Mal in Folge den Gesamtweltcup gewonnen, was eine unfassbare Leistung ist. Wenn er eine solche Saison fährt, dann muss ich schon einen Grand-Slam-Titel holen, ja. In einer anderen Saison, in der ein Wintersportler nicht so stark ist, reicht aber a bisserl ein anderes Ergebnis.

Haben Sie es in Österreich leichter als Ihr Freund Alexander Zverev in Deutschland, wo alle sehr viel von ihm erwarten?

Thiem: Ein paar Sachen sind bei uns schon ein bisschen leichter, ein paar sind durchaus vergleichbar. Deutschland hat gut 80 Millionen Einwohner, da gibt es natürlich viel mehr Leute, die etwas von dir erwarten. Das ist sicherlich schwieriger für ihn. Vergleichbar ist, dass alle aus unserer Vorgängergeneration, Haas, Kiefer, auch Kohlschreiber, in Deutschland immer mit Boris Becker verglichen werden – so wie in Österreich Jürgen Melzer und Stefan Koubek immer mit Thomas Muster. Sascha und ich haben jetzt den Vorteil, dass viele unserer Fans die Becker- und Muster-Zeit nicht erlebt haben. Deshalb können wir etwas freier spielen als unsere Vorgänger. Das ist sicherlich ein Vorteil für uns.

Alexander Zverev hat sich klar gegen die neue Form des Davis Cups gestellt. Haben Sie vor, bei der Davis-Cup-Endrunde in Madrid dabei zu sein, falls sich Österreich qualifiziert?

Thiem: Ich glaube, dass das ein unfassbares Event wird, das durchaus zu vergleichen ist mit dem ATP-Finale in London – absolut sensationell. Ich glaube, dass das neue Format eine Riesenchance für alle ist.

Ihnen ist die Tennissaison also nicht zu lang?

Thiem: Ich persönlich finde, dass es gar kein Saisonende gibt. Nach den Masters in London hatte ich höchstens zehn Tage Urlaub, ehe es in die härteste Zeit des Jahres ging, die Vorbereitung. Das ist ein ewiger Kreislauf. Es geht immer weiter, so lange, bis man die Karriere beendet.

In Ihrem Trainingslager herrschen angeblich bootcamp-ähnliche Zustände. Wird das auch dieses Mal wieder so konsequent durchgezogen?

Thiem: Die Vorbereitung ist richtig, richtig hart. Aber sie macht auch wirklich viel Spaß. Angenehmer als ein Militär-Bootcamp ist sie aber allemal.

Außerhalb des Sports melden Sie sich bei den Themen Umwelt und Natur zu Wort. Was bewegt Sie dazu?

Thiem: Ich glaube, dass die Welt an einem kritischen Punkt angelangt ist. Deshalb gehören einige Dinge geändert, damit die Welt so wunderschön erhalten bleibt, wie wir sie kennen. Was mir ganz persönlich am Herzen liegt, ist die Tierwelt. Sie ist in Gefahr und muss geschützt werden.

Wo engagieren Sie sich konkret?

Thiem: Ich unterstütze in Österreich aktiv den Schutz der Seeadler und der Wölfe. Das ist etwas, das mich lokal betrifft. Das passiert in meinem Land. Richtig gut finde ich auch die Kampagne 4ocean (ein US-Start-up, das sich dem Kampf gegen den Plastikmüll in den Meeren verschrieben hat, Anm. der Red.). Und ich versuche, mit meinen Social-Media-Aktivitäten zum Nachdenken und zum Umdenken anzuregen.

Sie nutzen die sozialen Netzwerke also ganz bewusst?

Thiem: Ich versuche, etwas Sinnvolles damit zu machen. Social Media hat sicher auch seine Nachteile. Aber bevor es das gegeben hat, konnte man nicht so viele Leute erreichen. Jetzt kann man täglich gute Sachen posten und die Welt ein bisschen besser machen – vielleicht.

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