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Tischtennis

Grand Smash-Turniere: WTT eifert Vorbild Tennis nach

Singapur (dpa)

Vier Grand-Smash-Turniere pro Jahr sollen im Tischtennis nach Vorbild der Grand Slams im Tennis folgen. Die Premiere in Singapur wird aber von der Weltlage überschattet - und steht in der Kritik.

Von Sebastian Stiekel

Der Tischtennis-Star Timo Boll von Borussia Düsseldorf ist gespannt auf die neuen Grand Smashes. Foto: Marius Becker/dpa

Die Australian Open im Januar, die French Open Mitte Mai, Wimbledon gleich hinterher und zum Abschluss die US Open: Jeder Sportfan kennt die vier Grand-Slam-Turniere im Tennis, das berühmteste von ihnen in Wimbledon wurde zum ersten Mal im Jahr 1877 ausgetragen.

Im Tischtennis hat nun in Singapur der Versuch begonnen, dieses erfolgreiche Format zu kopieren. Die Turniere heißen Grand Smash und nicht Grand Slam, ansonsten ist das Prinzip aber das gleiche: Bei keinem anderen Wettbewerb gibt es mehr Geld zu verdienen und mehr Weltranglistenpunkte zu sammeln als bei diesen vier Höhepunkten jeder Turniersaison.

«Nach allem, was man hört und bisher gesehen hat, kann man gespannt sein», sagte der deutsche Rekordeuropameister Timo Boll vor seinem Abflug nach Asien. Was dem internationalen Tischtennis neue Aufmerksamkeit und neue Sponsoren einbringen soll, litt bislang allerdings massiv unter der Weltlage der vergangenen zwei Jahre. Wegen der Coronavirus-Pandemie musste das erste Grand-Smash-Turnier in den Jahren 2020 und 2021 mehrfach verschoben werden. Und jetzt kommt auch noch der russische Angriff auf die Ukraine hinzu.

Bis auf Ovtcharov sind die Top Ten dabei

Von den besten zehn Spielern der Weltrangliste fehlt in Singapur nur der Olympia-Dritte Dimitrij Ovtcharov. Der 33-Jährige ist nach einer Knöcheloperation noch immer nicht ganz fit. Der deutsche Nationalspieler ist aber auch der Sohn eines ehemaligen sowjetischen Tischtennis-Meisters, er wurde in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geboren und spielt schon seit 2010 für den besten russischen Club Fakel Orenburg.

«Für Dima ist es natürlich ganz schwer, ihm geht es schlecht. Er steht zwischen den Stühlen. Seine Oma sitzt noch in Kiew fest. Der Sport ist für ihn gerade nebensächlich», sagte sein Freund Boll nach dem erneuten Champions-League-Sieg mit Borussia Düsseldorf.

Sportpolitisch hat der Krieg in der Ukraine ebenfalls Folgen. Der Präsident des europäischen Tischtennis-Verbands ETTU trat in der vergangenen Woche zumindest vorläufig zurück. Der Mann heißt Igor Lewitin, ist ein enger Vertrauter von Wladimir Putin, war in seiner Heimat schon Verkehrsminister sowie Berater des russischen Präsidenten - und deshalb an der Spitze der ETTU nicht mehr tragbar.

Dieser Rücktritt sei die einzig denkbare Konsequenz, meint auch Andreas Preuß, der Manager des deutschen Rekordmeisters Borussia Düsseldorf. Trotzdem werde durch diese Entwicklung «das europäische Tischtennis geschwächt. Eine starke Persönlichkeit, politischer Einfluss: Das hätte dem Tischtennis in Europa geholfen», sagte der 59-Jährige der Deutschen Presse-Agentur. So aber zeigt nicht zuletzt die Vergabe des ersten Grand-Smash-Turniers an Singapur und der Plan, das zweite im Mai in China zu veranstalten, dass sich Geld, Macht und sportliche Dominanz in diesem Sport immer mehr nach Asien verlagern.

Preuß über WTT und Grand Smashes: «Sport professionalisieren»

Schon der deutsche Weltverbandspräsident Thomas Weikert bekam große Schwierigkeiten bei dem Versuch, die neue Turnierserie «World Table Tennis» (WTT) als Ausrichter der Grand Smashes zu kontrollieren. Entnervt von den internen Machtkämpfen verzichtete der 60-Jährige im vergangenen Jahr auf eine weitere Amtszeit und steht jetzt an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB).

Auch Weikert wies früh drauf hin, dass sich immer mehr WTT-Turniere und die starken Ligen in Europa gegenseitig im Weg stehen. Die Grand-Smash-Premiere in Singapur wurde erst Anfang Februar zeitgenau angesetzt. Wenig später verlegte der Weltverband seine Team-WM vom April in den Oktober. Die Bundesliga muss dann jeweils sehen, wie sie ihre Termine drumherumlegt. Vor allem «können von den WTT-Turnieren nur die besten 10 bis 15 Spieler der Welt leben», sagte Preuß.

Der Bundesliga-Profi Ricardo Walther zum Beispiel gewann zu Beginn als erster deutscher Spieler ein Grand-Smash-Spiel gegen den Südkoreaner Cho Seungmin in der Qualifikation. Das Geld, das er für die Reise nach Singapur benötigt, musste er aber erst bei seinem Club ASV Grünwettersbach verdienen.

«WTT und die Grand Smashes wollen unseren Sport professionalisieren. Das ist gut, dagegen ist nichts zu sagen», meinte Preuß. «Aber bisher haben sie das auf dem Rücken der Spieler ausgetragen, denn Tischtennis ist eben nicht Tennis, sondern ein Einzel- und ein Mannschaftssport. Wenn wir es schaffen, Termine zu koordinieren, dann kann das für alle gut ausgehen.»

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