1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. Ueberregional
  4. >
  5. Sport
  6. >
  7. Mehr als ein Fußballspiel

  8. >

Wie die Fohlen-Elf es schaffte, dass 1970 Israelis Deutschen zujubelten

Mehr als ein Fußballspiel

Bielefeld (WB). Für Gladbach-Fans haben wohl der Bundesliga-Aufstieg (1965), die erste deutsche Meisterschaft (1970) oder der erste europäische Titel (Uefa-Pokal 1975) die größere Bedeutung in der Betrachtung ihrer Borussia. Das wichtigste Spiel der Fohlen-Elf aber bleibt ein sportlich unbedeutendes.

Oliver Kreth

So einfach ist historisch: Günter Netzer und Mordechai Spiegler überreichten sich Blumen und Wimpel. Foto: WDR/Wilhelm August Hurtmanns

25. Februar 1970. Tel Aviv. Bloomfield Stadium. 22.000 Zuschauer. Ausverkauft. Borussia Mönchengladbach gegen die israelische Nationalmannschaft. Die Trainer: Hennes Weisweiler (1919 - 1983) und sein Freund Eddy Schaffer (1923 - 2012). Kennen gelernt hatten sich die beiden 1958 beim Fußballlehrer-Lehrgang an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Der Ausbilder und der Schüler wurden Freunde.

Weisweiler, dessen Familie in seiner Jugend eine Wohnung von Juden gemietet hatte und der sich auch noch Jahrzehnte nach der Pogromnacht für seine damalige Untätigkeit schämte, als das Haus verwüstet wurde – und Schaffer, aus dem polnischen Galizien stammend, der in Recklinghausen das Fußballspielen erlernte und dessen Vater, Mutter und drei Schwestern Opfer der Shoa wurden – vermutlich beim Massaker in Stanisławów. Sie hielten Kontakt, als Schaffer auf Drängen seiner Frau nach Israel zurückkehrte. Shoshana Schaffer: „So kurz nach der Shoa und mit einem kleinen Kind war es für mich unvorstellbar, in Deutschland zu leben.“ So reifte bei Weisweiler und seinem Freund der Plan: Wir machen irgendwann ein Freundschaftsspiel unserer Mannschaften in Israel.

Außenministerium offensichtlich nicht informiert

Lange Zeit konnte der Plan nicht umgesetzt werden. Erst 1965 nahmen die beiden jungen Demokratien, die Bundesrepublik und Israel, diplomatische Beziehungen auf. Zudem war die Lage im Nahen Osten gefährlich. Auch nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 herrschte kein Frieden. Die PLO (heute Fatah) terrorisierte die Welt. Zivile Flugzeuge wurden zum bevorzugten Angriffsziel. Auch kurz vor dem dann doch vereinbarten Spieltermin. In einer Maschine der Austrian Airlines, die auf dem Weg nach Tel Aviv war, explodierte eine Paketbombe. Der Flieger konnte notlanden. Nur zwei Stunden später zerschellte ein Suisse-Air-Flugzeug, eigentlich ebenfalls auf dem Weg nach Israel. Eine Paketbombe war auch da im Frachtraum explodiert. 47 Menschen starben.

In dieser Situation wollten die Gladbacher Spieler nicht nach Tel Aviv reisen. Günter Netzer: „Natürlich haben wir das formuliert, was in unseren Familien los war. Da war eine große Angst.“ Mitspieler Ulrik le Fevre ergänzt: „Wir haben uns gefragt: Könnte uns das auch passieren?“

Treffen in Tel Aviv: die Trainer-Witwen Gisela Weisweiler (links) und Shoshana Schaffer. Foto: WDR/Gebrüder Beetz Filmproduktion

Fieberhaft wurde nach einer Lösung gesucht. Für Bundeskanzler Willy Brandt und Verteidigungsminister Helmut Schmidt, ein Großvater väterlicherseits war Jude, hatte das Spiel eine zu große Bedeutung. Entgegen damals geltendem Recht beschlossen sie: Borussia Mönchengladbach fliegt mit der Kanzler-Maschine – ohne Hoheitszeichen, die Piloten in zivil. Fast hätte noch ein Legationsrat den Abflug gestoppt, das Außenministerium war offensichtlich nicht informiert. Und Walter Scheel saß zum Zeitpunkt des geplanten Abfluges mit seinem israelischen Ressortkollegen Abba Eban bei einem ersten Treffen zusammen. Im letzten Moment konnte ein diplomatischer Fauxpas verhindert werden. Die Maschine hob ab.

Vom Flug gibt es Super-8-Filmaufnahmen. Man sieht auch, wie Herbert Laumen im Cockpit sitzt und mit den beiden Piloten spricht. Der Stürmer hat diese Rarität auf seinem Dachboden entdeckt.

Befürchtungen waren unbegründet

Mulmig sei ihnen damals gewesen, erinnert sich Günter Netzer im Interview mit Dietrich Duppel: „Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Wir wussten, was wir über Israel gelernt hatten, wir waren ja nicht außerhalb der Welt. Wir wussten um die Bedeutung dieses Spiels.“

Die Befürchtungen waren unbegründet. Nach der Partie schallte es von den Rängen: „Vivat Germania!“ („Hoch lebe Deutschland!“) Netzer: „Die Menschen standen auf den Bänken und jubelten uns zu, ein für mich unvorstellbarer und unvergesslicher Moment – so kurz nach Ende des Krieges.“ Ulrik le Fevre: „Nach dem Duschen sind wir zum Bus gegangen. Wir wurden von begeisterten Menschen empfangen, die uns umarmten und in die Höhe hoben. Bei einigen meiner Mitspieler habe ich Tränen in den Augen gesehen.“

Begeistert war auch Mordechai Spiegler. Die Fohlen-Elf hatte den Kapitän, der 1970 bei einer WM das einzige Tor für Israel erzielen sollte, sehr beeindruckt: „Sie haben Vollgas gegeben. Und Günter war wie ein Tänzer. Der Ball kam zu ihm und er setzte seine Mitspieler gekonnt in Szene.“

Und Spieglers Gefühlswandlung infolge dieser 90 Spielminuten ist symptomatisch für das, was diese Begegnung bewirkte. „Meine erste WM war die 1954. Ich habe das Endspiel am Radio verfolgt. Deutschland siegte 3:2. Ich hatte Tränen in den Augen. Denn für einen osteuropäischen Juden darf Deutschland nicht gewinnen. Zwanzig Jahre später wird Deutschland wieder Weltmeister. Ich bin aufgesprungen vor Freude und habe gejubelt. Denn jetzt hatte ich Freunde in der Mannschaft, Günter, Franz, Berti.“

Film in der ARD-Mediathek

Gladbach absolvierte nach diesem historischen Spiel in den kommenden Jahren viele Trainingslager in Israel. Die Freundschaft der Familien Schaffer und Weisweiler besteht bis heute.

Ein sportliches Resultat hatte das Spiel am 25. Februar 1970 natürlich auch. Die Gladbacher gewannen 6:0 (Le Fevre, zweimal Laumen, Wimmer, Netzer, Vogts). Mordechai Spiegler lachend: „Ich bin noch heute in Israel so populär wegen dieses Spieles. Und das bei einem 0:6. Was wäre erst los, wenn wir es 1:0 gewonnen hätten?“

Alle Zitate im Text stammen aus dem Film „Geheimmission Tel Aviv – als Fußball die Geschichte veränderte“ von Dietrich Duppel und Nadine Neumann. Zu sehen in der ARD-Mediathek. Prädikat: nicht nur für Gladbach-Fans Pflicht.

Startseite
ANZEIGE