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Vor Corona-Gipfel

Politiker Lauterbach: Zuschauer in Stadien «realitätsfremd»

Schon wieder ein Corona-Gipfel - und es drohen neue Einschränkungen. Vor den Beratungen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten blickt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auch auf den Sport. «Es wird ein schwerer Tag», sagt er der dpa.

dpa

Hält sich mit Tischtennisspielen fit: SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Foto: Oliver Berg

Berlin (dpa) - Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach erwartet nach dem nächsten Corona-Gipfel auch weitere Einschränkungen für den Sport.

Sollten sich die Fallzahlen nicht gut entwickeln, «dann könnte ich mir gut vorstellen, dass wir den Freizeitsport und auch den Profisport, zumindest den Hallensport, komplett verbieten», sagte der 57 Jahre alte Bundestagsabgeordnete im Interview der Deutschen Presse-Agentur vor den Beratungen von Bundesregierung und Ministerpräsidenten am Mittwoch. «Selbst beim Profi-Fußball bin ich nicht sicher, wie lange wir das noch durchhalten», meinte Lauterbach.

Frage: Für die Bundesliga waren Sie zu Beginn der Pandemie ein Schreckgespenst, gegen die Geisterspiele sind Sie Sturm gelaufen. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Karl Lauterbach: Die Geisterspiele haben sich als sicherer erwiesen, als ich gedacht habe. Ich hatte gedacht, dass es um die Geisterspiele herum große Fan-Ansammlungen gibt und sich die Fans gegenseitig infizieren. Ich hatte auch mit einer höheren Zahl an infizierten Spielern gerechnet. In beiderlei Hinsicht lag ich falsch.

Mittlerweile gibt es auch in den Clubs immer mehr Corona-Fälle. Glauben Sie, dass der Profi-Fußball weitermachen kann?

Lauterbach: Wenn es immer mehr Fälle gibt in den Clubs selbst, dann wird es schwierig. Dann sind die Geisterspiele nicht mehr so sicher wie sie waren. Auch die Vorbildfunktion ist dann nicht mehr gegeben.

Sollten im Handball, Basketball oder im Eishockey, also in den Hallensportarten, andere Vorgaben gelten als im Fußball?

Lauterbach: Ein Sportart, die draußen gemacht wird, hat ein viel geringeres Infektionsrisiko. Der Hallensport ist bei den momentan hohen Fallzahlen nicht sicher zu begleiten und auch mit Corona-Tests der Sportler nicht sicher zu machen.

Sollte sich die Politik wegen dieser Unterschiede nicht detaillierter mit den Konzepten der Sportverbände beschäftigen? Ist ein Pauschalverbot zu vermitteln?

Lauterbach: Ein Pauschalverbot ist auch schwer zu begründen. Derzeit wollen wir die Zahl der Kontakte, auch die Sportkontakte, auf ein absolutes Minimum reduzieren. Wir müssen die Gefährdung der Spieler, aber auch ihrer Familien in den Vordergrund stellen.

Falls sich die Fallzahlen nicht gut entwickeln, was dann?

Lauterbach: Dann könnte ich mir gut vorstellen, dass wir den Freizeitsport und auch den Profisport, zumindest den Hallensport, komplett verbieten. Selbst beim Profi-Fußball bin ich nicht sicher, wie lange wir das noch durchhalten.

Können Sie die Forderungen aus den Bundesligen nach Zuschauern nachvollziehen

Lauterbach: Die sind zum jetzigen Zeitpunkt völlig realitätsfremd.

Auch wenn es von den Clubs und den Verbänden aufwendige Hygienekonzepte gibt?

Lauterbach: Wie soll ein Hygienekonzept funktionieren, wenn jeder unnötige Kontakt vermieden werden soll.

Rechnen Sie am Mittwoch beim Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mit weiteren Beschränkungen für den Sport?

Lauterbach: Ich rechne zumindest mit weiteren Beschränkungen für die Bereiche außerhalb des Sports. Die werden dann natürlich auch ihre Anwendung für den Sport finden müssen. Der Sport steht jetzt verständlicherweise nicht im Vordergrund dessen, was wir beschließen müssen. Es wird ein schwerer Tag werden. Nach den Beschlüssen muss darüber nachgedacht werden, was bedeutet das für den Sport?

Wo sehen Sie den Stellenwert des Sports im Moment?

Lauterbach: Der Stellenwert des Sports ist hoch. Die Bevölkerung hat ein Recht darauf, dass der Sport auch dann eingeschränkt stattfinden kann, wenn es gut begründet ist. Aber ich habe die Sorge, dass der Sport nicht mehr lange in der Art und Weise, wie wir ihn jetzt noch praktizieren, durchgeführt werden kann.

Wäre es nicht doch wichtig, Bewegung zu ermöglichen - für Jung und Alt?

Lauterbach: Um sich zu bewegen, braucht man keine Kontakte mit anderen. Natürlich ist Bewegung optimal - aber man kann auch spazieren gehen oder Joggen ohne Kontakte zu haben. Wir kommen nicht aus der hohen Inzidenzzahl heraus, die uns zwangsläufig zur Überlastung in der Intensivmedizin und auch zu mehreren hundert Todesfällen pro Tag führt, wenn wir die Kontakte nicht um 75 Prozent reduzieren. Die Kontakte beim Sport sind nicht wichtiger als die Kontakte außerhalb des Sports in der Freizeit.

Die Bundesliga hat am Wochenende Fußball gespielt, Handballer und Basketballer waren auch am Ball. Wie soll man Kindern erklären, dass sie nicht spielen dürfen?

Lauterbach: Das ist schwer zu erklären. Aber wir haben beim Profi-Sport Sicherheitskonzepte, die Spieler werden vorher getestet - da kann man eine gewisse Sicherheit unterstellen. Beim Spiel mit Kindern ist das nicht darstellbar.

Wann rechnen Sie damit, dass der Freizeitsport wieder Fahrt aufnehmen kann?

Lauterbach: Das ist schwer zu sagen. Es kommt sehr darauf an, ob es uns gelingt die Fallzahlen noch einmal deutlich abzusenken. Wenn wir in den nächsten Wochen Erfolge haben bei der Senkung der Fallzahlen, dann werden wir auch beim Sport wieder mehr Spaß haben, mehr Freiheiten genießen können.

ZUR PERSON: Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach gilt als Freund klarer Worte. Seit Beginn der Corona-Pandemie ist der 57 Jahre alte Professor und Gesundheitsökonom Dauergast in Talk-Shows. Im Bundestag sitzt Lauterbach seit 2005.

© dpa-infocom, dpa:201122-99-425879/4

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